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Manfred Aulbach (1986)
Das Problem der politischen Kompetenz.
Der Begriff ‚Usurpatorkomplex’
bei
Adorno (1950)

Übersicht:
Roosevelts „New Deal“ als Beispiel
Der Usurpatorkomplex
Die psychologische Deutung des Usurpatorkomplexes als Vorurteil
Der Zusammenhang zwischen dem Problem der politischen Kompetenz und dem Usurpatorkomplex
1. Roosevelts „New Deal“ als Beispiel
Zunächst die Situation: Im Gefolge der Wirtschaftskrise verelendeten durch Verlust von
Eigentum und Arbeitsplätzen seit 1929 Millionen von Menschen in den USA. Z.B. gab es 1936 15 Millionen Arbeitslose bei ca. insgesamt 40 Millionen Arbeitskräften, also über 35%
Arbeitslose, die großenteils keinerlei soziale Absicherung hatten.[1] Sie hatten keine
Arbeitslosenversicherung und auch sonst nur wenig staatliche Hilfe. Präsident Hoover hatte nur minimales Interesse, durch staatliche Interventionen das Los dieser zum Teil
herumwandernden und hungernden Menschen zu verbessern. Er vertrat damit die engstirnige bourgeoise Einstellung, die im konservativen Amerika weit verbreitet und tief verwurzelt war,
und wahrscheinlich noch ist: jeder ist an seinem Elend selber schuld. Hinzu kam die traditionelle Haltung des laissez-faire Kapitalismus, möglichst wenig staatliche Regulierung der „ökonomischen“ Sphäre.
Die Masse des Volkes nahm die Wirtschaftskrise als Schicksal hin. So gab es also wenig
Aufruhr; die Menschen sahen keine weiterführende Perspektive als das bestehende System. Als im Jahr 1932 Präsidentenwahl war, verlor der Republikaner Hoover jedoch die Wahl und der Kandidat der Demokraten
gewann. Der neue Präsident, Franklin Delano Roosevelt suchte das Chaos und den enormen Einbruch in das Wohl des Volkes durch die
Bundesregierung in Washington zu steuern. Die Maßnahmen, die durch aufgeschlossene Wirtschaftswissenschaftler, Sozialpolitiker und ähnliche – im amerikanischen Sinn: liberale –
Leute, die Roosevelt in die Administration berief, geplant wurden, sind unter dem Namen „New Deal“ (etwa: Neuverteilung der Chancen) in die Geschichte eingegangen. Die dann
tatsächlich durchgeführten Maßnahmen seit etwa 1935 waren:
ein Programm öffentlicher Arbeiten, z.B. Bau von Staudämmen;
Einleitung einer Sozialgesetzgebung und tatsächliche Einführung von
Arbeitslosenversicherung, Altersversorgung und Arbeitslosenhilfe.
Des weiteren wurden Gewerkschaften legalisiert, sie erhielten das Recht,
Arbeitsbedingungen und Löhne auszuhandeln, was zu dieser Zeit erheblich dazu beitrug, die wachsende Verelendung der noch arbeitenden Bevölkerung, aufgrund von erpresserischen Hungerlöhnen, wieder zu mildern.
Man könnte vielleicht annehmen, dass alle froh waren über die ergriffene Initiative, deren
Konkretisierung, soweit sie der Kongress zuließ, wohl die schlimmste Not linderte; beendigt wurde die Wirtschaftskrise dadurch ja nicht, sie endete erst durch den neuen Wirtschaftsboom
im Gefolge des 2. Weltkriegs mit seinem enormen Bedarf an amerikanischen Rüstungsgütern. Eine allgemeine, das ganze Volk umfassende Zustimmung zu Roosevelts „New Deal“ war
allerdings nicht der Fall. Viele unterstellten Roosevelt „Sozialismus“ oder gar „Kommunismus“, unterstellten ihm Unfähigkeit, finstere Machenschaften und hassten ihn und sein Programm des New Deal.
Colonel Hamilton Fish, ein extremer Gegner im Kongress gegen Roosevelt – er war Leiter des
„Fish-Ausschusses“, des ersten Ausschusses zur Untersuchung kommunistischer Umtriebe in den Vereinigten Staaten – erzählt in einem der von StudTerkel gesammelten Interviews:
Er brachte alle diese fanatischen, radikalen Gesetzesvorlagen ein. Die waren überhaupt nicht
auf amerikanische Gebräuche gegründet. Die waren alle sozialistisch, und Sozialismus scheitert immer. (Terkel: Der große Krach, S. 188)
Andererseits sagt Fish, dass er für die meisten „progressiven Gesetze“ zur „sozialen
Sicherheit“ (Terkel, S. 186) gestimmt hätte. Womöglich bezieht sich Fish mit seinem Sozialismus-Vorwurf u.a. auf denjenigen Aspekt in Roosevelts Erneuerungsprogramm, die
Trusts und die Banken unter Regierungskontrolle zu bringen. Vielleicht auch auf den Gewerkschaftsaspekt. Doch das müsste genauer untersucht werden, was hier zu weit führen würde.
Ein von Studs Terkel interviewter „liberaler“ New Dealer[2], ein Wirtschaftswissenschaftler,
Joe Marcus, der 1936 „nach Washington“ ging, und der interne Einsicht in die damalige begeisterte Suche nach Lösungen auf Regierungsebene hatte, erzählt:
Wir dachten nicht daran, die Gesellschaft neu zu formen. Darum ging es nicht. Ich glaube nicht
an diese Träumereien. Was sich abspielte, war ein vollständiger Wandel in der sozialen Einstellung eben der entscheidenden Regierungsleute. Die Frage hieß: wie kann man es
innerhalb dieses Systems schaffen? Diejenigen, die in den Behörden des New Deal arbeiteten, waren von diesem Geist beherrscht. (Terkel, Krach, S.120)
Im Interview wird an Marcus die Frage gestellt:
Von einigen wird behauptet, dass F.D.R. diese Gesellschaft rettete...
Joe Marcus antwortet:
Darüber besteht gar kein Zweifel. Die Industriellen, die etwas Einsicht hatten, erkannten das
sofort. Er hätte ohne die Unterstützung der wichtigen Elemente der begüterten Klasse nicht soviel erreicht. Sie sabotierten die Programme nicht, ganz im Gegenteil.
Gleich nach dem Krieg behandelte der Jahresbericht von Morgan & Company mit als erstes
die Frage der Vollbeschäftigung. Fünf Jahre vorher hatte das als bolschewistische Idee gegolten. Die Wirtschaftsführer erkannten in den ersten Kriegstagen die Wichtigkeit der
Entwicklung fortschrittlicherer Programme. Es war eine Möglichkeit, eine korporative Gesellschaft zu rationalisieren. Der New Deal tat genau das. (Terkel, Krach, S.122)
Daraus lässt sich folgern:
a) dass mindestens bis 1940 die Thematisierung der sozialen Frage und die Suche nach
entsprechenden Lösungsvorschlägen bei denjenigen Menschen (ob begütert oder nicht), die keine Einsicht hatten, und das waren wahrscheinlich nicht wenige, als „bolschewistische Idee“ galt.
b) dass in den Jahren des New Deal (1935-1945) nur soviel an Lösungsvorschlägen zum
Zuge kam, wie von den „wichtigen Elementen der begüterten Klasse“ unterstützt wurde. Und
c) dass Roosevelt keine Chance gehabt hätte, „soviel“ zu erreichen, wenn er nicht diese
Unterstützung von seiten der „wichtigen Elemente der begüterten Klasse“ gehabt hätte. Möglicherweise hätte Roosevelt ohne diese Unterstützung soviel wie gar nichts erreicht.
Hier komme ich also zum Thema der politischen Kompetenz:
Es handelt sich – wie im Falle Roosevelts ersichtlich – offenbar nur sekundär um die Frage,
wie fähig jemand ist, sachliche Lösungen anzubieten und Sach-Initiativen zu ergreifen. Primär handelt es sich in politischen Fragen um das Problem, sich im Rahmen des bestehenden Interessenfeldes bewegen zu können.
2. Der Usurpatorkomplex
Das ist die entscheidende ‚politische Kompetenz’[3], auch wenn dies gewöhnlich ideologisch
verschleiert ist. Solange Roosevelt viele Vektoren dieses Interessenfeldes aktiv ignorierte – und das war wohl während der ganzen Zeit seiner Regierung der Fall – wurde ihm in der Tat
auch die Kompetenz, ein fähiger Präsident zu sein, von vielen Amerikanern abgesprochen. Dafür bringt Theodor W. Adorno in einem Kapitel der „Studien zum autoritären Charakter“,
nämlich „Politik und Wirtschaft im Interview-Material“ interessante Hinweise.[4] Dieses
Interview-Material, welches diesen Studien als eine der empirischen Grundlagen diente, entstand ungefähr um 1945 in den USA, also in der Zeit, als das Problem Roosevelt noch
virulent war. Es ist sogar ein eigener Abschnitt in dem Kapitel „Politik und Wirtschaft im Interview-Material“ der Einstellung der Interviewten zu Roosevelt gewidmet (S.224-230).
Adorno schreibt dort einleitend:
Mittelpunkt des Usurpatorkomplexes ist Roosevelt; sein Name provoziert die schärfsten
Unterschiede zwischen H und N im gesamten Interviewmaterial über politisch-wirtschaftliche Themen. (Adorno, Studien, S.224)
Unter „H“ versteht Adorno die hoch und unter „N“ die niedrig skalierenden (insbesondere) auf der sog. Faschismus-Skala
(aber auch auf der Ethnozentrismus-Skala, der Antisemitismus-Skala, sowie der Skala für Politisch-Ökonomischen Konservatismus) zur
Bestimmung des autoritären (= „der“ H) oder un-autoritären Charakters („der“ N).
Unter „Usurpatorkomplex“ versteht Adorno gerade das hier von mir angeschnittene Problem der politischen Kompetenz
aus der Perspektive derjenigen, die einem sachlich kompetenten Politiker auf ideologische Weise Inkompetenz vorwerfen. Der Vorwurf der
Inkompetenz wird ideologisch so vorgetragen, dass jemand sich ungerechtfertigterweise, also illegitim um Macht bemühe, dass er machtbesessen sei, obwohl unfähig, dass er nicht gestanden genug, also unreif
sei, dass er sonstwie verdächtig sei, und was dergleichen sinngemäß analoge Schablonen noch sein mögen; m.a.W. dass er versuche Macht zu usurpieren
; also versuche Macht zu gewinnen, die ihm eigentlich aufgrund seiner angeblichen Inkompetenz gar nicht zustehe. Jemand, der diese Art ideologischer Vorwürfe
produziert, besitzt nach Adorno einen „Usurpatorkomplex“.
Die Regierung durch gewählte Vertreter wird angeklagt, die Demokratie zu verfälschen und
Roosevelt und besonders dem New Deal wird vorgeworfen, die Macht usurpiert und diktatorisch befestigt zu haben. (Adorno, Studien, S.219)
Leider führt Adorno etwas zu soziologistisch (als soziale Klasse) die Klasse der „Pseudo
-Konservativen“ ein, worunter er aber, soviel ich sehe, eigentlich genau jene sozialpsychologische Klasse von Menschen zusammenfasst, die eben jenen „Usurpatorkomplex“ besitzen:
Einmal sind die sozialen Schichten, die den Pseudo-Konservatismus repräsentieren, nicht
oder halten sich nicht für die Nutznießer des New Deal. Ihnen gilt er als Regime für die Arbeitslosen und für die Arbeiter, und selbst wenn die Arbeitslosenunterstützung zu ihrem
Vorteil wäre, würden sie sich darüber ärgern, weil sie ihnen demonstriert, was sie am wenigsten eingestehen wollen: dass ihre Zugehörigkeit zum Mittelstand die ökonomische
Grundlage eingebüßt hat. Zum anderen war die Roosevelt-Regierung in ihren Augen nie wirklich stark genug. Sie spüren genau, wie sehr der New Deal durch den Obersten
Gerichtshof und durch den Kongress behindert wurde. Sie wissen oder haben eine dunkle Ahnung von den Konzessionen, die Roosevelt machen musste.
[...]
Die Progressiven in der Regierung sind für sie echte Usurpatoren, nicht so sehr, weil sie durch
schlaue und illegale Machenschaften Rechte an sich gebracht hätten, die mit der amerikanischen Demokratie unvereinbar wären, sondern weil sie eine Machtstellung
einnehmen, die den „richtigen Leuten“ vorbehalten sein sollte. Die Pseudokonservativen haben einen bestimmten Sinn für „Legitimität“: Zum Herrschen ist berechtigt, wer wirklich über
die Produktionsmaschinerie verfügt, nicht aber, wer seine ephemere Macht formalen politischen Prozessen verdankt. (Adorno, Studien, S.220)
[...]
Solange Demokratie tatsächlich ein formales politisches System darstellt, das unter Roosevelt
zwar einige Eingriffe in die wirtschaftliche Sphäre unternahm, das aber niemals die wirtschaftlichen Fundamente antastete, hängt das Leben des Volkes von der
Wirtschaftsordnung des Landes ab, also letzten Endes eher von denen, die die amerikanische Industrie kontrollieren, als von den gewählten Vertretern des Volkes. Die Pseudokonservativen
spüren das Unwahre an der Idee der demokratischen Regierung „durch das Volk“, und sie erkennen, dass sie ihr Schicksal als soziale Individuen nicht wirklich durch den Gang an die
Wahlurne bestimmen. (Adorno, Studien, S.220)
Nach meinen eigenen Erfahrungen mit politischen Prozessen kann ich diese Darstellung
Adornos nur unterstreichen. So zum Beispiel lässt sich auch die mindere Beteiligung an Frauen in leitenden Stellungen (in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Universitäten) als Ausdruck
jenes Usurpatorkomplexes deuten. Jahrelang galt eine Frau am Steuer als Usurpatorin einer ihr nicht zugehörigen Männertätigkeit. Frauen als Pilotin bei der Lufthansa sind nichtexistent.
Auch Busfahrer sind zu fast 100% Männer in der BRD, im Gegensatz zu Stockholm, wo man nicht nur Frauen, sondern sogar langhaarigen jungen Männern die Stadtbusse anvertraut.
(Dieselben sind übrigens gewöhnlich sehr freundlich). Gerade aber auch im politischen Bereich und an der Universität (die möglicherweise insgeheim ebenfalls einen politischen
Bereich darstellt) sind Frauen stark unterrepräsentiert. Wie lässt sich dies anders begründen als mit vorgeblicher Inkompetenz?
An weiteren explizit politischen, historischen Erfahrungen denke man an Vorstellungen über Bundeskanzler Willy Brandt
um 1973/74 bei vielen konservativen Leuten, er habe „keine Autorität“ oder er verrate und verkaufe Deutschland; oder an die Diffamierung der Grünen als
„Chaoten“; oder an die ‚nationale’ Hetze gegen die Unfähigkeit der Demokratie in der Weimarer Zeit.[5] Auch das Bedürfnis „regierungsfähig“ zu erscheinen seitens der deutschen
Sozialdemokratie, resultiert meiner Ansicht nach gerade aus der weiten Verbreitung des Usurpatorkomplexes in Deutschland als Ressentiment gegen die SPD. Beispielsweise
versuchte die Parole der CDU zum Bundestagswahlkampf 1983 „Von Wirtschaft verstehen wir mehr“ – erfolgreich! – diesen weitverbreiteten Usurpatorkomplex, bezogen auf die SPD, auszubeuten.
Auch der Sowjetunion, weil kommunistisch, wurde jahrzehntelang auf allen möglichen
Gebieten Unfähigkeit unterstellt, speziell ökonomisch und militärisch. Adolf Hitler, der Führer Großdeutschlands, ist meines Wissens gerade auf eine solche ideologische Fehlvorstellung
reingefallen, als er die Sowjetunion 1941 unterschätzte und damit erledigt war[6].
3. Die psychologische Deutung des Usurpatorkomplexes als Vorurteil
Ich denke also, Adorno hat hier ein sehr geläufiges Phänomen der politischen Realität
bewusst gemacht, und es ist eigentlich für mich verwunderlich, dass sein Begriff „Usurpatorkomplex“, oder eine analoge Begriffsbildung, so wenig bekannt oder geläufig ist. Es
kann allerdings sein, dass seine psychoanalytische Form, diesen Komplex erklärbar zu machen nicht für alle besonders überzeugend ist. Dennoch lässt sich meines Ermessens
diesbezüglich nachvollziehen, wenn er schreibt:
Die Häufigkeit und Intensität der Usurpatoridee und die absurden Behauptungen, in denen sie
sich äußert, berechtigen uns, sie einen „Komplex“ zu nennen, das heißt, nach einer weitverbreiteten und stabilen psychischen Konfiguration zu suchen, die sie am Leben erhält.
Soweit wir wissen, hat dieses Thema in der psychologischen Literatur bisher keine Beachtung gefunden [...] (Adorno, Studien, S.222)
Psychologisch gesehen vermutet Adorno, dass es sich hier um ein verschobenes
Ressentiment gegen Privilegien handelt. Im Grunde handelt es sich, was Adorno hier aber nicht deutlich genug herausarbeitet, um eine Ausprägung von Vorurteil, das ja einer
bestimmten psychischen Dynamik entspringt:
[..] das Ressentiment wird von den „legitimierten“ Vertretern der Macht auf jene verlagert, die
sie ihnen entreißen möchten, die sich selbst in ihren Zielen mit der Macht identifizieren, die aber zugleich den Kodex der bestehenden Machtverhältnisse verletzen. (Adorno, Studien, S.223)
Die Dynamik des Vorurteils beruht also gemäß Adorno im eigentlichen Kern auf der
Identifikation mit den offiziellen Mächten der Herrschaft, und auf der Verschiebung der unterdrückten rebellischen Tendenz gegen diese Herrschaft in die Form der Ablehnung oder
als Hass auf ein nicht so mächtiges, sozial als inferior angesehenes Objekt.[7]
Es scheint sich auch bei dem Usurpatorkomplex demgemäss um nichts weiter als eine
spezielle (vielleicht mehr dem „konventionellen Syndrom“ zugehörige[8]) Anwendung der Über-Ich-Bildung[9] auf die verschiedensten Bereiche, speziell auch den politischen Bereich, zu
handeln: Um die Identifikation mit dem erziehenden Aggressor und dementsprechend um das Bedürfnis nach Aggressionsverschiebung auf geeignete, als inferior ausgewiesene Objekte.
Der Usurpator in diesem Sinne ist der Rebell, den man in sich selber bekämpfen musste, um sich endlich mit der bestehenden Herrschaft zu identifizieren. In retrograder Aktivierung der
erlebten Repression gegen den Rebellen in einem selber, wird nun jeder andere Rebell projektiv abgelehnt und bekämpft, weil dieser die eigene erzwungene Anpassung an die Herrschaft in Frage stellt.[10] Der genormte Bürger kann deswegen auch keinen
Usurpatorkomplex feststellen, für ihn ist dies die völlig ‚natürliche’ Reaktionsweise auf Bedrohung seiner sozialen Selbst-Gewissheit zu reagieren. Und da bezüglich der
Herrschaftsstruktur bei den wenigsten Menschen eine kritische Distanz à la Adorno vorhanden ist, kann eine Begriffsbildung nach der Art des „Usurpatorkomplexes“ auch entsprechend
wenig auf fruchtbaren Boden fallen.
Gerade die weite gesellschaftliche Verbreitung dieser Vorurteilshaltung (die vielleicht die
Grundlage aller weiteren, spezielleren Vorurteile darstellt), ist also dafür verantwortlich, dass es nicht als Vorurteil anerkannt und dementsprechend reflektiert wird. Nur in seltenen,
außergewöhnlichen Fällen, wie z.B. bei Roosevelt, hat man die Chance, sich darüber bewusst zu werden. Dieses Vorurteil kann umso weniger wahrgenommen werden, je mehr man das Bezugssystem des in starre Rollen gerahmten, herrschaftsgeleiteten Menschen hat. Was solch ein Mensch mehr oder minder stark wahrnimmt, ist lediglich eine Art Widerwillen.
Hierzu noch einige Zitate, die diesen Widerwillen gegen Roosevelt dokumentieren:
Eine Spanisch-Studentin:
Der Typ Demokraten, die ich kennengelernt habe, sind gewöhnlich ungebildete Menschen, die
wirklich nicht wissen, was vor sich geht. Die gegenwärtige Regierung hat alles verpfuscht. (Adorno, Studien, S.241)
Ein Sittlichkeitsverbrecher vom Zuchthaus St. Quentin:
Wenn die Macht der Arbeiterschaft weiter zunimmt, dann wird es bei uns wie in Russland sein.
Dadurch kommen die Kriege. (Adorno, Studien, S.211)
Ein Jura-Student:
Mein Vater hat es bedauert, dass er 1932 für Roosevelt gestimmt hat [...] aber wir glauben,
dass unser Land verraten und verkauft wird. (Adorno, Studien, S.222)
Ein Student der Insekten-Toxikologie über Roosevelt:
Er hat die Macht an sich gerissen, um das Notwendige tun zu können – er nahm sich mehr
Macht als nötig ... Er war zu lange am Ruder, und es waren Dinge im Gange mit Churchill oder Stalin, von denen wir nichts wissen. (Adorno, Studien, S.222)
Eine junge Kindergartenhelferin:
(Ist Ihr Vater gegen Roosevelt?) Oh, ganz bestimmt. Er kann mit Roosevelt überhaupt nichts
anfangen. Das wäre alles Kommunismus, sagt er. (Adorno, Studien, S.225)
4. Der Zusammenhang zwischen dem Problem der politischen Kompetenz und dem Usurpatorkomplex
Ich denke, es dürfte hinreichend klar geworden sein, was ich unter dem Problem der
politischen Kompetenz verstehe. Es existiert der weit verbreitete, mehr oder minder deutlich sich in Ressentiments artikulierende, von Adorno so genannte Usurpatorkomplex als
Widerwillen des starr in Rollen gerahmten, über-ich-artig mit der Herrschaft identifizierten Individuums gegen alles dasjenige Politische, was den starren Rollenrahmen in Frage stellt.[11] Diesem Widerwillen wird mit allerlei ideologischen Rationalisierungen, insbesondere der
Behauptung der Inkompetenz des politischen ‚Usurpators’, Ausdruck verliehen. Jede alternative, humanistische Politik muss also mit diesem Widerwillen rechnen und ihn
bearbeiten. Alternative Praxis, die machtpolitisch relevant werden will, wird mit dem Stigma der Inkompetenz versehen – und zwar eben gerade solange, wie die Starrheit der Rollen in der Gesellschaft anhält.
Sobald ein politisches Interessenfeld, das sich, wie ich behaupten möchte, gerade auf der
Basis der gegebenen Rollenstruktur bestimmt, aktiv ignoriert wird, entsteht – im Maße jener Ignoranz – sozialpsychologischer (und deswegen in materielle Formen gebrachter)
Widerstand gegen diese Ignoranz. Man denke zunächst als drastischstes Beispiel an die aktive Ignoranz von Rassendiskriminierungen und entsprechende Auseinandersetzungen
diesbezüglich (z.B. Bürgerrechtsbewegung USA in den 60er Jahren). Oder auch an die Ignoranz von offiziösen Kleiderordnungen (Schlips, Anzug, dunkle glatte Schuhe usw.). Hier
erinnere man sich an den als hessischer Minister zu vereidigenden Grünen Joschka Fischer, der als erster „Turnschuh-Minister“ in die Geschichte einging. Wobei die Ignoranz der
offiziösen Kleiderordnung durch Fischer wohl bedeutete, dass er die starre Rolle des vom Volk abgehobenen Staatsdieners nicht akzeptieren wollte. Allerdings war im Falle Fischers der
gesellschaftliche Widerstand relativ schwach. Fischer bewegte sich offenbar genau in einer Grauzone von Regelverletzung, die einen allzu großen Widerstand der offiziellen Mächte blamabel machen würde.
Die Vertreter der alternativen humanistischen Praxis werden grundsätzlich als inkompetent
angesehen im Maße ihrer Nicht-Anpassung, ihres Nichteingehens auf das gegebene Interessenfeld (der Rollen), sobald sie aktiv Politik betreiben wollen – d.h. bestimmten
alternativen Zielen und Werten in der Gesellschaft zum Zuge verhelfen wollen. Das ist ein Hauptaspekt der „konservativen Rückstellkraft“ von der ich in meiner früheren Arbeit „Die
Paradoxie der Grünen“ redete (z.B. S.59).[12]
[1] Vgl. Studs Terkel: Der große Krach. Die Geschichte der amerikanischen Depression,
Ffm 1972, S.117. Es handelt sich bei diesem Buch um eine Sammlung von Interviews mit
Menschen quer durch alle Bevölkerungsschichten der USA. Diese Interviews stehen unter den verschiedensten Perspektiven in einem wesentlichen Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise
der 30er Jahre. Sie wurden 1970 unter dem Titel Hard Times. An Oral History of the Great Depression in den USA veröffentlicht.
Es gibt allerdings auch andere Zahlen, als die bei Terkel angeführten. Danach waren es 1930
4 Millionen, der Höhepunkt lag 1933 bei fast 14 Millionen (= ungefähr 25% Arbeitslose), 1935 bei ungefähr 11 Millionen. 1937 gab es einen Tiefstand von ‚nur’ 6 Millionen, während 1938
schon wieder über 10 Millionen arbeitslos waren. (Menzel/Textor: Kletts geschichtliches Unterrichtswerk, Band 4, S.93, Tabelle)
[2] In einem „Historischen Begriffswörterbuch“ heißt es unter dem Stichwort „Liberalismus“:
<In den USA [...] versteht man unter liberal seit dem „Progressive Movement“ des frühen 20.
Jh. das Engagement für die Achtung und Ausweitung von Bürgerrechten, die öffentliche Kontrolle wirtschaftlicher Macht und die Verbesserung sozialer Fürsorgeleistungen. Der
moderne amerikanische Liberalismus bejaht die wirtschaftliche und soziale Staatsintervention.> (Mayers Illustrierte Weltgeschichte, Bd.20, S.69f.)
[3] Nachträgliche Anmerkung (2004): Vgl. dazu auch die Auseinandersetzung Platons mit
diesem Problem, seine Unterscheidung (Steuermann-Site) von Philodox vs. Philosoph.
[4] Adorno, Theodor W.: Studien zum autoritären Charakter, Ffm 1973, S.175-279.
(Es sind dies ausgewählte Artikel von Adorno in der fünfbändigen Studie New York 1949 und
1950, HORKHEIMER, Max; FLOWERMAN, Samuel (Eds.): Studies in Prejudies; und zwar speziell aus dem Band „The Authoritarian Personality“)
[5] Vergleiche dazu: Golo Mann: Deutsche Geschichte 1919-1945, Ffm 1965², erste Ausgabe
1958
[6] Vergleiche dazu: Klaus Reinhardt: Die Wende vor Moskau, Stuttgart 1972
[7] Vgl. „Das autoritäre Syndrom“, Adorno, Studien, S.322 f. Des weiteren „Der ‚funktionale’
Charakter des Antisemitismus“, Adorno, Studien, S.110 ff.
[8]Vgl. Adorno, Studien, S.319-322
[9] Es gibt einen gewissen Teilaspekt der Freudschen Theorie der Über-Ich-Bildung, der diese
Ansicht Adornos stützt. Es handelt sich um die Identifikation mit der väterlichen Autorität. Wenn man die sexualistische Sichtweise Freuds umdeutet in eine kommunikative Sichtweise kann
man die folgende Textstelle bei Freud meiner Ansicht nach als bedenkenswert ansehen: <Gegen die Autorität, welche das Kind an den ersten, aber auch bedeutsamsten
Befriedigungen verhindert, muss sich bei diesem ein erhebliches Maß von Aggressionsneigung entwickelt haben, gleichgiltig, welcher Art die geforderten
Triebentsagungen waren. Notgedrungen musste das Kind auf die Befriedigung seiner rachsüchtigen Aggression verzichten. Es hilft sich aus dieser schwierigen ökonomischen
Situation auf dem Wege bekannter Mechanismen, indem es diese unangreifbare Autorität durch Identifizierung in sich aufnimmt, die nun das Über-Ich wird und in den Besitz all der
Aggression gerät, die man gern als Kind gegen sie ausgeübt hätte.> (S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur. In: Abriss der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur, Ffm 1953, S.170)
[10] Vgl. auch Adornos weitere psychologische Erklärung des Usurpatorkomplexes, Studien S
.223.
[11] Ein ganz frisches Beispiel findet sich in der Frankfurter Rundschau
von heute (24.1.86, Titelseite). Dort heißt es unter der Überschrift „Flick misstraute Matthöfer“ <Brauchitsch [...]
hatte Matthöfer damals als „links, sachunkundig und stark gewerkschaftsabhängig“ sowie als „starke Belastung“ eingeschätzt. Vor Gericht sagte Brauchitsch jetzt, dies sei eine klare
Fehlbeurteilung gewesen. In der Praxis habe sich Matthöfer als „einer der besten Profis“ unter allen Finanzministern erwiesen.>
[12] Manfred Aulbach: Die Paradoxie der Grünen als „alternative“ Partei. Eine kritische Studie
zur Partei „Die Grünen“, in: Soziologisches Forum, Gießen, Heft 10/1984
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