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Kallikles vs. Sokrates
Steuermann
Kallikles vs. Sokrates

 

Platon: Kallikles vs. Sokrates (Zitate)

 

(Aus: Platon: Gorgias / Protagoras. Zwei sokratische Dialoge, Goldmann-Verlag, München 1960. Die Zitate stammen aus der Schrift Gorgias.)

 

[XLVI.] Kallikles: Gewiss, lieber Sokrates! Wie könnte auch ein Mensch glücklich sein, der irgend jemandes Sklave ist? Nein, das ist schön und gerecht von Natur aus, was ich dir jetzt freimütig bekenne: Wer recht leben will, muss seine Begierden möglichst stark werden lassen, ohne sie im Zaume zu halten. Wenn sie aber recht groß sind, dann muss er imstande sein, ihnen auf Grund seiner Tapferkeit und Einsicht zu dienen und muss ihnen das erfüllen, wonach ihr Wunsch jedesmal geht. Aber das können, denke ich, die meisten nicht; daher tadeln sie Männer dieser Art aus Ärger, um ihre eigene Ohnmacht zu verbergen, und nennen die Zügellosigkeit dann hässlich, wobei sie, wie ich früher schon sagte, die von Natur besseren Menschen zu ihren Sklaven machen; weil sie ihren Gelüsten keine Befriedigung schaffen können, loben sie die Besonnenheit und Gerechtigkeit, aber nur im Bewusstsein ihrer eigenen Feigheit. [S.70]

 

…Ja, Ja Sokrates, so steht es mit der Wahrheit, der du ja nachzutrachten behauptest. Wohlleben, Ungebundenheit und Freiheit, wenn sie festen Rückhalt haben, das ist Tugend und Glückseligkeit. Das andere aber ist alles eitles Gepränge, widernatürliche Satzungen von Menschen, ist Geschwätz von Menschen und keinen Heller wert. [S.70/71]

 

[XLVII.] Sokrates: Gar tapfer, lieber Kallikles, und freimütig kommst du jetzt mit der Sprache heraus! Denn offen sprichst du aus, was die anderen nur im Herzen denken, aber nicht sagen wollen. [S. 71]

 

[XLII.] Sokrates: … Ich weiß, lieber Kallikles, ihr habt euch zu einem Bund der Weisheit zusammengetan, ihr vier … Und ich habe euch einmal zugehört, wie ihr darüber Rat hieltet, wieweit man die Weisheit üben müsse, und ich weiß, dass unter euch etwa diese Meinung durchdrang: Man dürfe nicht danach streben, in der Philosophie bis auf den Grund zu kommen, sondern ihr rietet einander, auf der Hut zu sein, dass ihr nur ja nicht über das Maß hinaus weise würdet und darüber unvermerkt zugrunde ginget. [S. 64]

 

[XL.] Kallikles: … Wenn man aber einen Mann stammeln hört und Possen reißen sieht, dann kommt mir das lächerlich und unmännlich vor und verdient Schläge. Gerade so ergeht es mir auch denen gegenüber, die philosophieren. Wenn ich bei einem heranwachsenden Jüngling Neigung zur Philosophie sehe, da freue ich mich und halte das für schicklich, und den Menschen halte ich für edel; ja, wer gar keine Philosophie treibt, der ist in meinen Augen nicht edel und ein Mensch, der sich niemals einer schönen und edlen Handlung für fähig erachten kann. Wenn ich aber einen älteren Menschen noch philosophieren sehe, der sich davon nicht losmachen kann, der Mensch verdient meines Erachtens Schläge, lieber Sokrates. Denn wie ich soeben schon sagte, ein solcher Mensch muss in der Folge, auch wenn er gute Anlagen hat, unmännlich werden, wenn er die Brennpunkte der Stadt und des Marktes meidet, wo nach des Dichters Wort die Männer ihre Trefflichkeit erweisen. Doch er, der Philosoph, hat sich verkrochen und muss sein ganzes Leben mit drei oder vier Jünglingen flüsternd verbringen, ohne jemals ein freies, lautes und eindringliches Wort sprechen zu können. [S. 62]

 

 

Das Hauptargument des Kallikles gegen einen Philosophen ist dessen Weltfremdheit bzw. Politikfremdheit.

 

[XL.] Kallikles: … Denn wenn einer ein anständiger Mensch ist, und über seine Jugend hinaus philosophiert, so muss er unbedingt mit allem unwissend bleiben, was ein charakterlich guter, schöner und angesehener Mann wissen muss. Denn die Philosophen bleiben ja unbekannt in der Politik, unbekannt mit den Redeformen, die man im öffentlichen und privaten Verkehr mit Menschen anwenden muss, unbekannt auch mit den Wünschen und Begierden der Menschen und schließlich ganz allgemein mit ihren Lebensauffassungen. Wenn sie nun vor eine persönliche oder öffentliche Aufgabe gestellt werden, dann machen sie sich genau so lächerlich wie die Staatsmänner, glaube ich, wenn diese sich auf eure philosophischen Gespräche und Untersuchungen einlassen. [S. 61]

 

 

Diese Ansichten des Kallikles (bzw. analoge Ansichten) haben den Platon offenbar ziemlich beschäftigt, denn sein Hauptwerk „Der Staat“ ist eigentlich eine lange Auseinandersetzung damit. Die Grundidee ist: Glückseligkeit muss man solchen Banausen wie Kallikles absprechen. Sie kommt von rechts wegen nur den Philosophen in einem idealen Reich zu. Hier verrennt sich meines Ermessens der Moralist Plato ins Idealistische – er schafft sich und seinen Schülern sozusagen eine idealistische Ideologie. Diese Ideologie ist übrigens das, was gewöhnlich unter Platonismus verstanden wird und was über Plato am meisten bekannt ist (Höhlengleichnis etc.). Diese Ideologie hat eine starke (auch historisch belegbare) Affinität zum lebensfeindlichen, lustfeindlichen, sexualfeindlichen Aspekt des Christentums, speziell später dann der Kargheit des Protestantismus (als Rückkehr zum eigentlichen asketischen Christentum), gegen die sich Nietzsche (Sohn einer protestantischen Pfarrerfamilie) als Philosoph des späten 19.Jhdts. in seiner antisokratischen, antichristlichen, antimoralistischen, neo-aristokratischen Gegen-Haltung aufzubäumen versuchte. Doch der lebendige Hintergrund (die Auseinandersetzung mit den Argumenten von Kallikles) dieser ideologischen Notlösung Platons wird gewöhnlich ‘übersehen’.

Auf das aggressiv philosophiefeindliche Argument der Welt- und Politikfremdheit des Philosophen kommt Platon im „Staat“ in seinem ‚Gleichnis vom Steuermann’ noch einmal zurück und findet mit diesem Gleichnis eine sehr interessante Erwiderung.

 

 

(Manfred Aulbach, 2002)

 

 

 

 

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