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Plato
Ludwig Marcuse
Kallikles vs. Sokrates
Steuermann
Ludwig Marcuse

 

Ludwig Marcuse: Plato und Dionys, Berlin 1968, bzw. neue Ausgabe: Der Philosoph und der Diktator, Diogenes-Taschenbuch, Zürich 1993 (DM 16,80)

 

Das Interesse an dem Buch ergab sich für mich durch den Lesekreis von ‚PhiloSOPHIA’ (Marburg), der sich im Frühsommer 2001 mit Platon beschäftigte. Ich durchstöberte das Antiquariat am Marktplatz und fand u.a. diesen interessanten Titel von 1968.

Die packende Arbeit von Ludwig Marcuse zeigt auf, dass lebendige Philosophie auch ein Kampf ist. Wenn man die dialektische Methode des Platon bzw. des Sokrates (Beweisführung nach Art der griechischen Geometrie im Rahmen eines in seiner Basis kontroversen Dialoges) als Erkenntnisinstrument akzeptiert, dann ist jene Technik der Philosophie zwar nicht unbedingt ein politik-philosophisches Kampfinstrument, wie bei wichtigen Dialogelementen Platons, aber ein geistiges allemal. Falls man sich die Frage stellt, worin denn die eigentliche Kampflinie im Denken des Platon lag, so wird man in diesem Buch eine Art illustrierter Teil-Antwort finden. Denn dem Autor gelingt es, auf plastische Weise den politisch denkenden Platon in den historischen Rahmen seiner Zeit zu stellen. Ludwig Marcuse muss sich ersichtlich die Aufgabe gestellt haben: wie kann ich mit dem mir möglichen historischen und politischen Wissen der Sache auf den Grund gehen, wie das denn damals eigentlich gewesen sein könnte, als Platon anscheinend die Gelegenheit hatte, seine philosophischen Vorstellungen vom Staat und von der Gerechtigkeit auch in die Praxis umzusetzen. Denn diese vermeintliche Chance gab es (mindestens) einmal bei der damals sehr mächtigen griechischen Stadt Syrakus in Sizilien. Ludwig Marcuse versucht somit eine höchstwahrscheinliche oder ähnliche Rekonstruktion (S.10) der damaligen Situationen zu leisten. Allerdings findet man bei ihm keine Quellenangaben, insofern ist das Buch nicht ausgeprägt wissenschaftlich historisch. Offenbar will der Autor sich selbst und dem Leser plausibel machen, wie sich das denn damals eigentlich abgespielt haben könnte. Er benutzt dabei vielerlei historisches Detailwissen und außerdem natürlich auch die Aufzeichnungen des Platon selber, beispielsweise über den Tod des Sokrates, vor allem aber die Briefe, insbesondere den berühmten 7. Brief, in welchem Platon bekanntlich Bericht gibt über seinen politischen Werdegang. Es ist wiederum kein rein literarisches Werk, es wird vielmehr skizzenhaft herausgearbeitet, worin die verschiedenen Positionen der Interaktion innerhalb des von Marcuse modellhaft vorgegebenen historischen Settings liegen könnten, wozu außerdem noch eine Menge kluger Kommentare Ludwig Marcuses gehören. Die Darlegungen bewegen sich demzufolge eher im Nahtbereich zwischen lebendig machender Literatur und Historie. Ludwig Marcuse haucht der an sich toten historischen Materie sonach Leben ein.

 

Skizze des Buches:

 

Da ich über Syrakus bisher nicht viel gehört habe, war eines der lehrreichsten Kapitel für mich das erste, nämlich der Aufstieg von Syrakus zur Großmacht, wozu innerhalb kürzester Zeit der neue (nichtaristokratische) Tyrann Dionys sorgte. Ludwig Marcuse versucht, diesen Diktator genauer zu schildern, auch die Umstände, die ihm zur Macht verhalfen. Äußere Ursache war ein Zugriff Karthagos auf Sizilien, was Syrakus in Panik versetzte.

 

Ein weiteres lehrreiches Kapitel war für mich das zweite, nämlich die Darstellung des Gerichtsprozesses, der  Platons verehrtem philosophischem Vorbild Sokrates gemacht wurde (399 v.Chr.). Insgesamt 501 aus der Bevölkerung Athens stammende Richter hatten gemeinsam darüber zu entscheiden, ob Sokrates für irgendwas schuldig sei. Auch dies wird von Ludwig Marcuse sehr plastisch geschildert. Drei Stimmen haben Sokrates zum Freispruch gefehlt. Ludwig Marcuse macht das der undiplomatischen Verteidungsstrategie des Sokrates zum Vorwurf. Aber Sokrates geht es ja nicht darum, sich diplomatisch aus der Schlinge zu ziehen, sondern die geistige Unabhängigkeit des beweishaft argumentierenden Philosophen vor der Macht (in diesem Fall die demokratische Macht des Volkes von Athen) zu demonstrieren. Hier verwirklicht sich also ein neues Paradigma, nämlich das des geistig unabhängigen (Politik-) Philosophen gegenüber dem geistig von der Meinung (der gegebenen Macht) abhängigen (politischen) Philodoxen (vgl. ‚Staat’, Stephanus 480f., speziell 493), der die herrschenden Meinungen, weil er sie kennt und anerkennt, zu seinen persönlichen Gunsten zu beeinflussen sucht. Dieses neue Paradigma des Sokrates scheint es zu sein, was den jungen, idealistisch gesinnten Aristokraten Platon offenbar am meisten beeindruckt hat. Von hier aus bestimmt sich Platons spezifische philosophische Haupt-Kampflinie.

 

Im dritten Kapitel wird die weitere  Entwicklung Platons nach Sokrates Tod rekonstruiert.

...Er wollte Athen kurieren, mit Hilfe des toten Arztes Sokrates. So wurde der junge Mann, der ausersehen gewesen war, ein würdiger Repräsentant des blühenden Staates Athen zu sein, ein radikaler Intellektueller. (S. 121)

Platon lebt nun, als bekannter Anhänger des geächteten toten Sokrates, erst einmal im Exil in Megara. Aufschlussreich – auch für die rekonstruktive Methodik des Autors - der kurze Kommentar zum Exil (der wohl aus Ludwig Marcuses eigener persönlicher Erfahrung stammt, er selbst war Emigrant in der Nazi-Zeit), die Verknüpfung mit der mutmaßlich existenziellsten Lebensproblematik Platons und die zugehörige Konklusion zu beidem:

...Unglaube im Exil, das ist die tiefste Einsamkeit. Man ist nicht in einem Nothafen, um eine bessere Zeit abzuwarten; man ist gestrandet und nicht mehr flottzumachen. Einmal war es ganz gewiss gewesen, dass man eines Tages regieren werde. Jetzt wusste man, dass es nicht möglich war; der Schwindel hatte ihn beim Anblick dieses Auf und Ab gepackt. Solche Schwindeligen werden, wenn sie schwach sind, Melancholiker. Wenn sie ohne Gewicht sind zynische Genießer. Der junge Mann, der Plato hieß, schaute aus nach einem Halt. Und da ihm kein Lebender stark genug war – klammerte er sich an seinen Toten. (S. 114 f.)

Platons wichtigste politische Schrift (389 v. Chr.) dieser 10-jährigen Exil-Zeit

...führte den Titel „Gorgias“ und war ein Kernschuss – mitten ins Allerheiligste der Demokratie Athen. (S.123).

Da er mit dieser Schrift durch gewisse Tabu-Verletzungen („Angriff auf die nationalen Heroen“, etwa Perikles) in Athen endgültig nichts mehr „zu bestellen hatte“ (S. 124) ging Platon nun auf  Reisen, sein Ziel war Ägypten.

 

Bekanntlich tritt in dem Dialog Gorgias ein gewisser Kallikles (als Vertreter der Ansicht, dass der Stärkere im Recht ist, wenn er sich die ihm, seiner unbescheidenen Ansicht nach, gebührenden Dinge und Machtpositionen mit Gewalt und List verschafft), dem Sokrates argumentativ sehr kräftig entgegen, der die Rechtschaffenheit verteidigt und die Idee der Gerechtigkeit (als Besonnenheit) herausarbeiten will. Außerdem setzt sich Sokrates/Platon noch das verwegene Ziel, dem Gerechten – und ihm allein - das Wichtigste von allem, die Glückseligkeit, zuzuschanzen. (Das spätere Buch ‚der Staat’ von Platon hat sein Alpha und Omega just in jener Beweisführung). –  Der Dialog Gorgias (darin Kap. 38 ff.) dient als Projektionsfolie, wenn es um die spätere erste Interaktion Philosoph vs. Tyrann bei Ludwig Marcuse geht.

 

Diese erste Interaktion der Antagonisten ergibt sich schon bald während der Schiffsreise. Auf einer Zwischenetappe in Tarent erhält Plato eine Einladung an den Hof von Dionys dem Tyrannen. Die Einladung kam vom jungen Fürst Dion, der eine hohe Persönlichkeit am Hofe von Syrakus war, ein Schwager des Dionys, und gleichzeitig ein enthusiastischer Bewunderer der Schriften Platons. Dieser Dion ist das eigentliche politische Schicksal Platons (als auch des Tyrannen Dionys II.), denn Dion wird Platon direkt oder indirekt immer wieder in die Angelegenheiten von Syrakus hineinziehen.

Aus dem skizzenhaften Selbstgespräch des Tyrannen Dionys I. vor der Ankunft des Platon im Palast:

...Und da kam nun irgendein vornehmer athenischer Müßiggänger daher und wagte es, hochmütige Phrasen zum besten zu geben. Und wagte es, alle großen Männer zu verachten, weil sie nur dicke Mauern und hohe Schiffe in die Welt gesetzt hatten – statt dieser weder dicken noch hohen, dagegen aber sehr luftigen Worte. Plato war nicht jünger als man selbst – und was hatte er geleistet? Um die eigene Bedeutung, die nicht da war, in ein täuschendes Licht zu setzen, musste er diese Schießbudenfigur, die er „Tyrann“ nannte, auf seinem intellektuellen Rummelplatz aufpflanzen. So prangte der „Tyrann“ mitten auf dem literarischen Markt, fuchtelte mit einem literarischen Dolch umher – und der adlige Herr Tyrannenfresser, der Literat Plato, legte ihn um mit dem kläglichen Sätzchen: „Wer rechtschaffen und gut ist, der ist auch glückselig.“

Was wusste so ein Sprüchemacher überhaupt von der Glückseligkeit? Glückselig war man gewesen, letztes Jahr, als endlich der italische Feind am Boden lag. Man stand am Abhang und zählte die Gefangenen, wie sie vorbeidefilierten – jeder einzelne Mann wurde mit dem Stock angetippt, als gelte es die Inventur einer Viehherde. Das war Glückseligkeit. (S. 129 f.)

Ludwig Marcuses Konstruktion sieht dementsprechend so aus, dass bei der Audienz des Platon bei Dionys „beide Herren nicht das geringste Interesse (hatten), einander bei guter Laune zu halten.“ (S. 133). Die Audienz verläuft ungnädig und Plato wird mit Hilfe eines faulen Tricks bei der Rückreise nach Tarent an der Insel Ägina ausgeladen, deren Herren aufgrund von kriegerischen Verwicklungen mit Attika beschlossen hatten, fürderhin Athener in die Sklaverei zu schicken. Platon war ein Athener, folglich wurde er (wie bei Sklavenmärkten üblich) nackt auf dem Sklavenmarkt zum Verkauf ausgestellt. Glücklicherweise erkennt ihn ein durchreisender Kaufmann und kauft sich diesen Sklaven für einen mittleren Preis. Damit ist Platon wieder frei und kann nach Ägypten weiterreisen. Der Kaufmann will übrigens nie mehr dieses Geld zurückerstattet bekommen. Platon ist, wie man sich infolgedessen denken kann, ein, unter Eingeweihten, geachteter Athener. Damit hätte Ludwig Marcuse der Überlieferung, dass Platon kurzfristig wg. Dionys in die Sklaverei geriet, eine anschauliche Story zugeordnet.

 

Nach dem Tod (im Jahre 367 v.Chr.) des alten Tyrannen Dionys, also dem, der sich die Macht mit allen Tricks und vielerlei Gemeinheiten zusammenraffte (Marcuse schildert das sehr schön und überzeugend), kam der verwöhnte Sohn, Dionys II., an die Macht. Da Dion immer noch eine hohe Position in Syrakus innehatte, ist es hauptsächlich Dions Initiative, dass der inzwischen über 20 Jahre älter gewordenen Platon gedrängt wird, doch diesen jungen Herrscher aufzusuchen, um ihn im Sinne der Philosophie zu beeinflussen. Zusätzlich gibt es natürlich noch eine entsprechende Einflussnahme des Dion auf den jungen Dionys II. Inzwischen hatte sich Platon schon lange seine Akademie in einem lieblichen Hain am Rande Athens geschaffen, in der Mathematik betrieben und philosophiert wurde, und 5 Jahre vorher war sein großes Werk ‚Der Staat’ vollendet, in welchem er im Rahmen seiner beweishaften Überlegungen bezüglich Gerechtigkeit und Glückseligkeit die Utopie eines vernünftigen und ‚gerechten’ Militärstaates seiner Zeit projektierte. Marcuse skizziert im 5. und im 7. Kapitel einige Konstruktionsgedanken und  totalitäre Aspekte dieses utopischen Militärstaates.

 

Platon verspürt aber wenig Lust, nach Syrakus zu gehen, da er ja inzwischen auch nicht mehr der Jüngste ist:

...Es war ein bisschen spät geworden. Damals hätte es sein sollen, als er die Audienz beim Alten hatte. Damals war man vierzig. Jetzt war man zweiundsechzig – ein alter Herr, der sich die Hoffnung gründlich abgewöhnt hatte. Man hatte seine Ruhe gefunden. Man hatte sich eingesponnen in die kleine Zelle eines Nachtigallenhains. Man hatte sich ganz schön eingelebt in den Verzicht. Man hatte eben erst die Abkehr vom Leben besungen, im Hymnus auf den echten Philosophen. (S. 187)

Während dem jungen Dionys II. von Dion inzwischen, lt. Marcuse, der folgende Floh ins Ohr gesetzt wurde:

...Das Größte bliebe dem Sohn noch zu tun? Platos verführerische Sätze nisteten sich in der jungen Seele ein. Dionysos las: „Ein einziger Mensch auf der Welt, wenn er nur einen folgsamen Staat in die Hände bekommt, genügt, um alles zu verwirklichen, was jetzt noch unerreichbar erscheint.“  Diese Worte vergaß er nicht mehr. Er, Dionysos II., hatte einen folgsamen Staat in die Hand bekommen. Die Dynastie Dionys saß fest auf dem Thron; dafür hatte der Alte gesorgt. Er, der Junge, würde nun das Werk krönen und das Unerreichbare erreichen ... Er würde Platos weiser  Diktator werden. Er würde den Untertanen das Gute befehlen. (S. 185)

...Der Zweite beschloss, nicht mit dem Schwerte zu regieren, sondern mit dem Philosophen. (S. 186)

 

Platon rang sich also doch noch durch, seinen geliebten Nachtigallenhain zu verlassen, um Geist und Macht zu vermählen. Der Einfluss auf den Jung-Tyrannen bringt am Hofe von Syrakus diverse Veränderungen mit sich, die Ludwig Marcuse sehr faszinierend folgendermaßen ausmalt:

...Der Hof sah plötzlich aus, als hätte man den Göttern eine Hekatombe der amüsantesten Syrakusaner geschlachtet: Taschenspieler und Tierbändiger und Jongleure und die reizendsten Mädchen. Noch gestern waren die aufgeputzten Venuspferdchen, die in ihren Gewändern aus Spinnefäden den Nymphen an den heiligen Wassern des Eridanos glichen, heiter und leicht durch die Säle des Palastes geglitten. Und nun?

Keine „Sardelle“ mehr, kein „Docht“, kein „Distelfink“ oder wie die Kleinen alle heißen mochten – ihre Lippen waren mit einem Produkt aus Meertang bestrichen gewesen, die Augen düster untermalt, die Fransen fast bis zu den Brauen herabgezogen, nur eine schmale Stirn blieb frei, und hinten hingen die Locken wie Schlangen in den Nacken. Wie hatte der Fremde alles so unfreundlich verwandelt! Es gab nur noch Akademiker auf der Welt. Sie legten die Stirn in Falten und waren bereit, durch die Pforte der Geometrie in den Himmel einzugehn.

Ein neuer Herr war eingezogen in Syrakus und mit ihm ein neuer Hausrat. Die lustigen Tische und die vollen Becher waren weggeräumt. Den Boden bedeckte nur noch Sand. Aber nicht, damit „Häschen“ und „Schüsselchen“ ihre Sohlen in ihn eindrückten – und der Kavalier, der ihnen auf den Fersen folgte, daraus lesen konnte: „Folge mir.“ Sondern dem Fremdling zu Ehren, dessen Gott diese Welt aus mathematischen Gebilden zusammengesetzt hatte. Der sandige Fußboden war voll von Dreiecken und Vierecken und Achtecken und Zwanzigecken. (S. 191 f.)

Ludwig Marcuse ist offenbar Weltmensch genug, um sich ausmalen zu können, dass der neue Wind auch wiederum natürlicherweise seine Gegenwinde entfacht. Es drückt außerdem seinen Realismus aus, dass er weiß, dass man solchen Gegenkräften nur standhalten kann, wenn man eigene starke Kräfte aufbieten kann. Wo aber waren die definitiven sozialen Gruppierungen in Syrakus, die hinter diesen Staatsverwandlungen im Sinne Platons standen? Aber nicht nur, dass solche Gruppierungen nicht auszumachen waren, der junge verwöhnte Tyrann selber war selbstverständlich ebenfalls ein unsicherer Kandidat. Nachdem der Autor einige lebendige Szenarios schildert, findet Marcuse dazu folgende abschließende Formel: „Die Verleumdungen, die ihm eingeblasen wurden, und seine Ungeduld gingen prächtig zusammen.“ (S. 196). Es kam dann allmählich zu immer größeren Missstimmungen, Dion wurde nach dem Peleponnes verbannt, was Platon natürlich nicht recht sein konnte. Schließlich gelang es Platon, wieder nach Athen zu gehen und dort, neben seiner Akademie-Arbeit, auch eine Art Kultur-Botschafter von Syrakus zu sein. Am Hof von Syrakus gedieh die leichte Muße, doch nach 5 Jahren (361 v. Chr.) sehnte sich Dionys wieder nach härterer Kost, er wollte seinen Platon von neuem um sich haben. Dionys setzte alle Hebel in Bewegung, um den alten Philosophen nach Syrakus zu locken „mit den reizendsten Bildern der Hoffnung“. (S.226)

...Und der König ohne Reich fuhr zum drittenmal nach Sizilien, um hier die Vollkommenheit zu errichten. Ihn begleiteten einige Akademiker – und viele böse Ahnungen.

Das syrakusanische Kriegsschiff brachte ihn schnell und glatt übers Meer. Er wurde wie ein Souverän empfangen und in den königlichen Gärten einlogiert. Die Damen des Palastes waren reizend zu ihm; denn Plato – das war schon der halbe Dion. Die Herren gaben ihrer Freude einen sehr lärmenden Ausdruck. Sie feierten die erlauchten Gäste auf einem Kannenfest, bei dem man aus goldenen Humpen um die Wette trank; Hundert Zecher machten mit. Den Sieg errang ein Schüler Platos; er wurde mit einem schweren goldenen Kranz gekrönt. Das war ein glänzender Start für die Akademie. (S. 227)

Dann kam es wie es kommen musste, die Diskrepanzen waren letztlich einfach zu groß. Ludwig Marcuse konstruiert dies z.B. folgendermaßen:

...Blicke hinauf, Dionys! In einem ewigen, lieblichen Rhythmus tanzen Sonne, Mond und Sterne miteinander. Das Werden des Irdischen, das Vergehen des Irdischen ist nur ein leichter Dunst vor dieser schönen Unvergänglichkeit. Und du Dionys, bist auserwählt, zum erstenmal, seit unsere Erde besteht, das Menschenreich zum Abbild der himmlischen Ordnung zu machen ... Nach dieser Offenbarung, rechnete Plato, würde sich der schwache, flattrige junge Herr in den vollendeten Staatsmann verwandeln.

Weshalb verwandelte er sich nicht? Dionys hatte sehr schlechte Augen. Er soff zuviel. Die Höflinge korrigierten diese Unzulänglichkeit dadurch, dass sie sich kurzsichtig stellten. Plato hingegen überspannte noch die menschliche Sehkraft und verlangte vom Herrscher Siziliens, dass er das Trinken aufgebe – und mit den Augen des Weisen sehe. Dionys hatte keine Lust, sich so anzustrengen. (S.229)

Der Philosoph Platon wollte den Dionys in der Rolle eines gelehrigen Anhängers der Philosophie, woraus dann die Freundschaft mit Dionys erwachsen sollte, analog wie mit Dion, jedoch der Tyrann Dionys erstrebte Platon als einen ihm freundschaftlich gesinnten Höfling. Die Konfliktlinie ist klar, sie ist ein (vermutlich) prinzipiell unüberwindbarer Widerspruch, der seit jenem neuen Paradigma (siehe oben), das Sokrates in die Welt setzte, den menschlichen Geist heimsucht.

Dion, der immer noch gezwungen war, in der Verbannung statt in Syrakus zu leben, musste wieder als Sündenbock herhalten, er wurde nun außerdem noch enteignet. Schließlich verfiel auch Platon in Ungnade und wurde in eine Söldnerkaserne einquartiert, in der es ihm dreckig gehen sollte, bis er endlich wieder nach Athen zurückkehren konnte.

...Vom Sklavenmarkt in die Söldnerkaserne! Das Leben eines Idealisten, der scharf das ferne Ziel visiert – und blind zu ihm hintappt. Dreimal hatte er es probiert, den Menschenlärm in Sphärenharmonie zu verwandeln. War es denn nicht zu machen? Oder lag es an ihm? Hatte er keine glückliche Hand? Warten wir noch ein Weilchen. Platos Weg war noch nicht zu Ende. Das Schicksal war boshaft genug, ihm zu guter Letzt sogar noch den vollkommenen Herrscher zur Verfügung zu stellen. Der Siebzigjährige musste noch mehr als ein Jahrzehnt leben, um ganz gründlich widerlegt zu werden. (S. 241)

Dion nämlich gelang es, mit einer kleinen militärischen Macht Syrakus zu erobern, hatte dort aber letztlich keinen praktischen Rückhalt mit seinen idealen Vorstellungen. Er bewirkte im Rahmen der von ihm ausgelösten neuen Kräfteverhältnisse schließlich nur Chaos, in dem er dann selber ermordet unterging. (Schade, dass Marcuse sich kein Szenario hat einfallen lassen, das plausibel macht, warum Dion ausgerechnet von einem Freund aus der Akademie, Kallippos, mit dem er in Syrakus einmarschierte, ermordet wurde. Platon stellt das übrigens im 7. Brief anders da: danach war Kallippos kein philosophischer Freund von Dion).

Platon wollte Dion bei der Praktizierung der Macht nicht helfen (außer in Briefen vom fernen Athen aus; vgl. Der vierte Brief). Daraus ersieht Ludwig Marcuse die Blindheit der nächsten Schritte, die offenbar jeder Verwirklichung einer Utopie anhaftet.

In dem Vorwort  „An den Leser“ schreibt Ludwig Marcuse August 1968 :

...Jede Revolution muss missglücken, wenn zwar die Utopie vollendet gut, der nächste Schritt aber oder irgendein weiterer, der in ihre Richtung gehen sollte, falsch ist. Haben wir das nicht in diesem Jahr gelernt? (S. 10).

Das schrieb Ludwig Marcuse (also nicht Herbert Marcuse, der utopistische Revolutionsphilosoph dieser Zeit) im bedeutungs­schwangeren 1968er Sommer.

 

Aber auch eine weitere Frage ist es, die Ludwig Marcuse beschäftigt, nämlich die Frage nach dem Subjekt der Veränderung.

Nach Platon ist der Tyrann jemand, der an sich unvernünftig ist, sozusagen der Antiphilosoph. Dem ungeachtet scheint es mir eine interessante Idee von Ludwig Marcuse zu sein, dass er Platons Nichtunterstützung der Revolution des Dion damit erklärt, dass Platon Revolutionen bzw. Staatsstreiche  ablehnte: eine Revolution seines hervorragenden Anhängers Dion gegen den Tyrann Dionys II. lehnt er ab, die eigentlich als das krönendes Ende von Platons praktischem Einfluss auf die Politik seiner Zeit hätte von ihm angesehen werden müssen! Allerdings, die Veränderungen in Richtung auf die Vernunft sollten paradoxerweise von einem Herrscher (z.B. einem Tyrannen) oder einem seiner Nachfolger selbst kommen. Und deswegen begab sich Platon insgesamt dreimal in das Nest des Antiphilosophen, um ihn zum Philosophismus zu bekehren, was leider jedes Mal zum Misserfolg verdammt war. Wie so eine Veränderung im Sinne des aristokratischen Platon aussehen würde, schildert Ludwig Marcuse in seiner saloppen Art folgendermaßen:

...Verteufelt klug. Seinen größten Feind, den Tyrannen, wollte er zum Instrument dieser ganzen geheimen Revolution machen. In die schwarze Seele irgendeines Dionys wollte er den Bürgerkrieg verlegen; dort sollte das Gute über die Gewalt siegen, ohne Waffengeklirr und Blut. Solch ein Dionys braucht dann die Macht nicht mehr zu erobern mit Hass und Mord, wie all diese Freiheitsschwärmer; denn er besitzt sie schon. So ist er wie geschaffen, die erste Revolution der Weltgeschichte zu machen, die wie vom Himmel fällt und nicht mit sämtlichen Gluten der Unterwelt geheizt werden muss. Wie adrett solch eine Revolution ausschauen wird. Plötzlich bringt eine starke und weise Hand alles ohne Lärm und Staub von einem Ort an den entgegengesetzten – und der vollkommene Staat steht eines schönen Morgens da, wie aus dem Boden gezaubert. Inzwischen haben die Untertanen gut und ahnungslos geschlafen. Das ist der Umsturz, den Plato will. (S. 248).

 

Ludwig Marcuse sieht in seinem Nachwort „Die Sehnsucht  nach einer besseren Gesellschaft“ in Platon ein lohnenswertes Studium der Problematik des Utopismus als „ewigen Widersacher dieser bald strohdummen, bald höllisch gescheiten Hemmerlinie“. (S.306)

...Und das Studium der Utopien hat kein wichtigeres Ziel als – die Überwindung utopischer Ahnungslosigkeiten. Was ist aus ihnen zu lernen? Nicht: wo man hinwill. Das hat Jesaja bereits vollendet klar gesehen. Sondern: wie man nicht hinkommt, wo man hinwill. (S. 304)

 

Wiewohl das ein attraktiver Schluss wäre, möchte ich doch noch eine kritische Anmerkung ans Ende stellen. Es ist möglicherweise etwas unfair, wenn Ludwig Marcuse es als Resignation abtut, dass Platon zum Nachklang, nach dem Tode Dions, bescheidener wird. Vielleicht war ja Platon auch in gewisser Hinsicht lernfähig? Denn in dem 7. und 8. Briefe, die an die „Verwandten und Freunde“ bzw. „Gefährten“ (vgl. Platon: Die Briefe, Kröner, Stuttgart 1947, S.35 bzw. S.82) Dions gerichtet sind, kommt hauptsächlich nur ein entscheidender Plan zum Tragen:

...Beugt nicht Sizilien und auch kein anderes Staatsvolk unter die Willkür von Menschen – das ist meine Lehre -, sondern  allein unter Gesetze. (7.Brief,  Kröner,  S. 52)

Diese sollten von einem Rat gestandener, ehrwürdiger Männer verfasst werden. Auch eine Art konstitutioneller Monarchie mit Ansätzen von Gewaltenteilung wird von Platon als politisches Programm für die möglichen Nachfolger Dions vorgeschlagen. (8.Brief, Kröner, S.90). Freilich sollten die Könige doch wohl philosophisch gelehrig sein.

 

Da Platon in der europäischen Geistesentwicklung einen prominenten Platz einnimmt, kann man sich vorstellen, dass die moderne Konzeption eines Rechtsstaates und der Gewaltenteilung ihre Wurzeln in Platons letztem Vermächtnis hat: unter allen Umständen der menschlichen Willkür Schranken zu setzen, durch Gesetze, die eingehalten werden, gerade auch von denen, die sie geben. Eine wichtige philosophische Hilfestellung dafür, dass diese Gesetze den gegebenen Zeitumständen entsprechend vernünftig und gerecht sind und auch so ausgelegt werden, ist bei Platon ebenfalls schon vorgezeichnet: es ist die philosophische, dialektische Methode - oder modern ausgedrückt, der rationale Diskurs. Inwieweit die Menschen über ihren Schatten springen können und im Aufeinanderprall von unterschiedlichen Identitäten, Rollen, Meinungen, Wertvorstellungen, Haltungen, Interessen nicht der Willkür freien Lauf lassen, also ihren satzungsmäßigen Idealen tatsächlich gerecht werden, ist meiner Vermutung nach ebenfalls eine Frage der philosophischen Bildung im Geiste eines -  selbstverständlich zeitgemäß und kritisch gesehenen – Platon: Denn wie könnte sich ‚Vernunft’ in der Gesellschaft durchsetzen und welche Kräfte in der Gesellschaft wären gewillt, dieselbe zum institutionellen Lebensprinzip zu erheben, wenn es nicht dazu eine entsprechende Geistesbildung und Charakterformung bei denen gäbe, die dazu fähig sind?

 

 

(Manfred Aulbach, 2001)

 

 

 

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