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Plato
Ludwig Marcuse
Kallikles vs. Sokrates
Steuermann
Steuermann

 

Im Buch „Der Staat“ (Sechstes Buch, III. und IV.), Kröner-Verlag, Stuttgart 1949, S. 196 ff.

 

Adeimantos sagt dem Sokrates:

 

„… man wird aber sagen: die Tatsachen beweisen, dass Leute, die sich mit Philosophie abgeben, und nicht bloß in der Jugend, um sich zu bilden, sondern auch weiterhin noch, zum größten Teil recht wunderliche, um nicht zu sagen, völlig unbrauchbare Menschen werden, dass die wenigen allenfalls Tüchtigen aber durch ihr Philosophieren das du empfiehlst, dem Staate verloren gehen.“

 

Als ich [gemeint ist Sokrates] dies hörte, fragte ich: „Hältst du diese Ansicht für falsch?“

„Ich weiß nicht“, entgegnete er. „Ich möchte hören, wie du darüber denkst.“

„So magst du hören, dass ich die Ansicht für richtig halte.“

 

„Aber wie kannst du dann behaupten, dass das Unheil im Staate nicht eher ein Ende nehmen würde, als bis die Philosophen zur Herrschaft kommen? Sie sind doch im Staate nicht zu brauchen!“

 

„Deine Frage muss man durch ein Gleichnis beantworten.“

„Mir scheint, es ist sonst nicht deine Art, durch die Blume zu sprechen.“

„Ja, spotte nur noch, nachdem du mich in eine so schwierige Untersuchung hineinverwickelt hast! Höre also das Gleichnis; es wird dir noch deutlicher zeigen, wie vorsichtig ich mit Gleichnissen bin. Das Verhältnis, in dem jene Tüchtigen sich zum Staate befinden ist ein so schwieriges, dass sich nirgends ein einzelner Gegenstand findet, der ähnliche Zustände hätte. Man muss den Zustand aus vielen vergleichbaren Zuständen zusammenstellen, wenn man diese Männer verteidigen will, muss es also machen wie die Maler, die Zusammensetzungen von Bock und Hirsch und anderen Tieren malen.

 

– Denke dir es ginge auf einem Schiffe oder auf vielen Schiffen folgendermaßen zu. Der Schiffseigentümer ist größer und stärker als die ganze Bemannung; er ist aber schwerhörig und kurzsichtig, und sein Verständnis für das Seewesen ist ebenfalls mangelhaft. Nun zanken sich die Schiffsleute untereinander, weil jeder meint, ihm käme die Führung des Schiffes zu. Dabei hat aber keiner je die Steuerkunst gelernt, kann auch seinen Lehrer und seine Lehrzeit nicht nachweisen. Ja, sie erklären, diese Kunst sei gar nicht lehrbar, und wollen jeden in Stücke hauen, der sie lehrbar nennt. Sie stürmen also beständig auf den Schiffseigentümer ein, er solle ihnen das Steuerruder in die Hand geben. Überredet ihn einmal ein anderer, dann ermorden sie ihn oder werfen ihn über Bord. Haben sie dann den braven Eigentümer zahm gemacht, durch einen Schlaftrunk, durch Wein oder dergleichen, so stellen sie einige Schiffsleute an, das Schiff zu lenken, und segeln nun, wie es bei solchen Leuten zu erwarten ist, unter Trinken und Schwelgen dahin. Wer sich beim Überreden oder Überwältigen des Schiffseigentümers geschickt erweist und ihnen behilflich ist, die Macht in ihre Hände zu bekommen, der steht als seetüchtig, als kundiger Steuermann und Kenner des Staatswesens bei ihnen in Ehren. Wer kein Geschick dazu hat, wird unbrauchbar gescholten.

 

Dabei wissen sie nicht einmal, dass ein wahrer Steuermann sich mit dem Jahre und den Jahreszeiten, mit dem Himmel, den Gestirnen, den Winden und überhaupt allem, was eben in sein Fach schlägt, beschäftigen muss, um wirklich ein Schiff führen zu können. Sie halten es gar nicht für möglich, dass man neben den Künsten und Mitteln, die man braucht, um sich zum Steueramt emporzuarbeiten, auch noch Zeit zur Erlernung der Steuerkunst hat.

 

- Bei dieser Lage der Dinge auf einem Schiffe wird doch der wahre Steuermann von den Schiffsleuten entschieden für einen Sterngucker, einen Schwätzer, einen für sie unbrauchbaren Menschen erklärt?“

„Allerdings“, sagte Adeimantos.

„Ich brauche das Gleichnis wohl nicht auszulegen. Du siehst, dass sich die Staaten dem wahren Philosophen gegenüber ebenso betragen, und verstehst, was ich meine.“

„Ja, freilich.“

 

„Wenn sich also jemand wundert, dass die Philosophen im Staate nicht in Ehren stehen, so trage ihm zunächst dies Gleichnis vor und mache ihm dann klar, dass das Umgekehrte viel wunderbarer wäre.“

„Ich werde es tun.“

Sage ihm, dass er recht hat, wenn er die Tüchtigen unter den Philosophen für das Volk unbrauchbar nennt. Er soll aber die Schuld für diese Unbrauchbarkeit nicht den Tüchtigen, sondern denen geben, die sie nicht brauchen. Dass der Steuermann die Schiffsleute bittet, ihn zum Führer zu nehmen, dass die ‚Weisen an die Türen der Reichen’ gehen ist nicht das Natürliche.

 

 

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Dieses Gleichnis findet seine Ergänzung bzw. Vertiefung dadurch, wie Platon die Sophisten  bzw. Philodoxen (Liebhaber der Meinungen) charakterisiert. Der Sophist lehrt das Wissen, wie man den Schiffseigentümer (das Volk) übertölpelt, indem man sich mit seinem Denken der Volksmeinung anbequemt, statt ein objektives und unabhängiges Denken zu vertreten. Das Letztere aber ist Sache der eigentlichen Weisheitsliebe – sprich Philosophie während die Meinungsliebe die Philodoxie ist. (Die Frage ist natürlich ganz nebenbei, welche ideologischen Auswüchse eine philosophische ‚Objektivität’ haben kann, die sich unabhängig dünkt, aber insgeheim doch wieder abhängig ist von den herrschenden Gedanken der Zeit. Man denke beispielsweise an die Philosophen Marx und Lenin, aber auch an Platons eigene ‘ideale’ militärische Staatskonstruktion).

[Sokrates:] … „die Sophisten lehren nichts anderes als eben die Urteile des in Masse versammelten Volkes. Diese Werturteile nennen sie Weisheit. Es ist gerade so, als ob jemand ein großes mächtiges Untier großzuziehen hätte und nun dessen Launen und Wünsche studierte. Er lernt die Art und Weise kennen, wie man sich ihm nähern und es anfassen muss, bemerkt, wann es am gefährlichsten und wann am zahmsten ist, auch was der Grund für beides ist; er lernt die Töne verstehen, die es hie und da ausstößt, ebenso findet er die Töne heraus, die man ausstoßen muss, um es zu beruhigen oder es in Wut zu bringen. Dies alles, über das ihn der lange Verkehr belehrt, nennt er nun Weisheit, teilt es sachgemäß ein und gibt anderen Unterricht darin. Er weiß nicht, welche von diesen Regungen und Triebäußerungen in der Tat schön oder hässlich, gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht sind, sondern richtet sich darin ganz nach dem Untier. Was diesem angenehm ist, nennt er gut, was es wild macht, nennt er schlecht. Einen anderen Sinn verbindet er mit diesen Begriffen nicht. Gerecht und schön ist für ihn das, was notwendig ist. Den eigentlichen Sinn des Notwendigen und des Guten aber hat er nie erfasst; er sieht nicht den tatsächlichen Unterschied zwischen diesen Begriffen, kann ihn also anderen auch nicht klarmachen. Das ist doch wahrhaftig ein merkwürdiger Erzieher!“

„Freilich.“ 

(Staat, sechstes Buch, VII, S. 203/204)

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Sobald sich solch ein Sophist selbst auf die Tribüne vor die Menge begibt

 

… „so kommt die sogenannte diomedische Notwendigkeit über ihn, nämlich die Notwendigkeit, sich nach ihrem Willen zu bequemen. Dass dieser Wille aber mit dem Guten und Schönen übereinstimmte, kann gewiss niemand behaupten. Oder hast du je andere als alberne Gründe dafür gehört?“

„Nein, ich werde wohl auch keine anderen hören.“

 

 

(Staat, sechstes Buch, VII, S.204)

 

 

 

Manfred Aulbach, 2002

 

 

 

 

 

 

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