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Es stellt sich natürlich die Frage, warum gibt es eigentlich diesen unheimlichen Drang in Richtung Unfreiheit?
Im Folgenden sollen (nach und nach) diverse Überlegungen zu dieser eminent wichtigen sozial-philosophischen Frage dargelegt
werden.
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Überlegung No. 01:
Dick Howard nennt als starke geistige Unterströmung der amerikanischen Revolution in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts (Unabhängigkeitserklärung 1776) die kritischen Ideen der “alten Whigs”, die schon während der ersten englischen Revolution (ab ca. 1640, Cromwell) eine Rolle spielten:
“Die Grundlage dieser Kritik war ein Bild der Gesellschaft als einer bipolaren Struktur, in der die Macht und das Volk asymmetrisch einander entgegengesetzt sind. Macht wird angesichts der endlichen und sündigen Natur des Menschen als eine Notwendigkeit hingenommen. Aber diese Macht ist der Freiheit entgegengesetzt, auf deren Kosten sie zu wachsen sucht. Die Freiheit muß daher immer gegenüber der Drohung eines Komplotts wachsam bleiben, das darauf abzielt, sie zu unterjochen. Der kritische Aspekt des Denkens der <alten Whigs> sieht diese Verschwörung gegen die Freiheit als eine permanente Gefahr, weil die sündige Natur des Menschen ihn für die Korruption empfänglich mache. Die Freiheit ist verloren, wenn sie sich auf den Pfad der Korruption locken läßt. Eine solche Korruption findet statt, wenn die Macht Posten, Ehren und materielle Vorteile an Männer verteilt, deren endliche Natur die Erklärung dafür liefert, warum sie bereit sind, ihre Freiheit für solche materiellen Dinge zu opfern. Die Macht wird potentiell tyrannisch.” (Dick Howard: Die Grundlegung der amerikanischen Demokratie, edition suhrkamp, Ffm 2001, S.91 f.. Ursprünglich: The Birth of American Political Thought, 1763-87, USA 1986).
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Überlegung No. 02:
Vgl. die an anderer Stelle ausgeführte Darstellung des Gegensatzes von Bourgeois vs. Citoyen. Dieser Gegensatz ist offenbar eine Grundstruktur der gegebenen liberal-bürgerlichen Gesellschaft, die manches zu erklären in der Lage ist.
Dazu gibt es eine Illustration, die ich kürzlich in einem Krimi von Henning Mankell “Die falsche Fährte” (DTV 2001,
Stockholm 1996) fand. Es geht dabei um Journalismus. Ein Journalist, der Wallander (dem Hauptkommissar) Hintergrundinformationen über einen ehemaligen (zwielichtigen) Justizminister geben kann, erzählt folgendes (S.
112 f.):
<Ture Svanberg hat mir das Journalistenhandwerk beigebracht. Er sagte immer, daß es zwei Typen von Zeitungsschreibern gibt.
“Der eine Typ gräbt in der Erde nach der Wahrheit. Er steht unten in der Grube und schaufelt Erde heraus. Aber oben steht ein anderer Mann und schaufelt die Erde zurück. Er ist auch Journalist. Zwischen diesen
beiden herrscht ein ewiger Zweikampf. Das Kräftemessen der dritten Staatsmacht um die Herrschaft, das nie endet. Du hast Journalisten, die entlarven und aufdecken wollen. Du hast andere Journalisten, die sich als
Laufburschen der Macht betätigen und dazu beitragen, das, was eigentlich vor sich geht, zu verbergen.” Und so war es auch. Das habe ich bald gelernt, obwohl ich erst fünfzehn war. Die Männer der Macht halten
sich immer symbolische Reinigungsfirmen und Beerdigungsinstitute. Es gibt genug Journalisten, die nicht zögern, ihre Seele zu verkaufen, um deren Interessen zu dienen. Die Erde zurückzuschaufeln. Die Skandale zu
begraben. Den Schein zur Wahrheit zu erheben, die Illusion der reingewaschenen Gesellschaft aufrechtzuerhalten.>
Offenbar vertritt der sozialkritische Autor Henning Mankell mit dieser Sichtweise (die er in seinem Roman durch einen
resignierten Journalisten, der jetzt Alkoholiker ist, darstellen läßt) ebenfalls jenes Modell des Gegensatzes von Bourgeois vs. Citoyen.
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Überlegung No.03:
In den kriegerischen Imperien (z.B. Griechenland, Rom) wurde der Reichtum des einheimischen Volkes durch räuberische Überfälle
auf andere Länder und Versklavung der dortigen Bevölkerung gewährleistet. Das war die Dominanz einer bestimmten Idee über der Gesellschaft, nämlich möglichst viel Reichtum und Luxus zu gewinnen mit Hilfe von
imperialer Macht. In der Neuzeit wurde dieses Modell verfeinert und der kriegerische Imperialismus vor allem in der Gegenwart abgemildert, indem die einseitige Idee der Reichtumsgewinnung auf den Ökonomismus
verlagert wurde.
Der in England lebende Sozialtheoretiker Mandeville (um 1700) hat als erster darauf hingewiesen, daß die Erringung individuellen
und nationalen Reichtums mit Hilfe von ökonomischer und politischer Macht im Kontrast steht zu Anstand, Friedfertigkeit und Menschenfreundlichkeit. Es gibt diesbezüglich unter den Ökonomen den Fachausdruck
“Mandeville-Paradox”, welches besagt,
dass nicht die Tugend, sondern das Laster die eigentliche Quelle des Gemeinwohls sei...Zivilisatorischer Fortschritt und wirtschaftliche
Potenz einer Nation würden getrieben von Selbstsucht und seien verschwistert mit einem Verfall der Sitten.
(Wikipedia, Bernard Mandeville)
Man erkennt also, daß auf der Basis des Mandeville-Paradoxes das Problem des Gegensatzes von Bourgeois vs. Citoyen seine präzisere Verortung findet. Um gegen die bourgeoise Selbstsucht eine Verteidigungslinie herzustellen, ist es nötig, daß sich die
‘Citoyen’ dagegen aufbauen, sodaß es gewissermaßen zu einem endless struggle zwischen beiden Positionen kommt, wobei allerdings die Bourgeois eindeutig die Oberhand haben.
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Überlegung No.04:
Horst Eberhard Richters sozialpsychologische bzw. pädagogische Ableitung gewisser Eigenschaften der Konformismus-Mentalität in
dem Buch „Flüchten oder Standhalten“, Reinbek 1976.
Das Grundaxiom seiner Überlegung besteht in der Annahme, daß in unserer Kultur „die Isolationsdrohung das Erziehungsmittel zur
Disziplinierung schlechthin darstellt“ (S.152).
„Wir haben uns an die Tatsache gewöhnt, daß kleine Kinder hochgradig empfindlich auf Trennung und Isolation
reagieren, und zwar um so intensiver, je stärker sie bereits durch vorausgegangene Trennungen sensibilisiert worden sind. Wir wissen ferner, daß Mütter in Ausnutzung dieser Angst kleine Kinder zu einem willfährigen
Verhalten zu nötigen pflegen.“ (S. 36) Diese „Empfindlichkeit für Isolationserlebnisse“ bestehe auch beim durchschnittlichen
Erwachsenen und zwar genauso „hochgradig“ (S.37).
Diese Isolationsdrohung ist deswegen wirkungsvoll, weil sie in dem Betroffenen Angst auslöst.
Es gibt eine Hierarchie der Angstvermeidung, wonach der Mächtigere, den weniger Mächtigen durch jene Isolationsangst an ihn
bindet. „Damit sie nicht mehr permanent Angst zu haben brauchen, müssen sie von Abhängigen umgeben sein, die mit eben
dieser Angst an sie gebunden sind.“ (S.152). In der Überschrift von Kapitel 3 heißt es: „Trennungsdrohungen verschärfen Isolationsangst. Diese Angst wird in der Gesellschaft kreisförmig weitergegeben“. (S.49)
Ich denke, Richters Modell ist sicherlich richtig, denn es ist in der Lage, die merkwürdige Angepaßtheit der Masse zu erklären:
sie beruht auf Isolationsangst. Man hat in Familie, Schule und Beruf sowie im Freundeskreis Angst rausgeworfen, gemobbt, isoliert zu werden, wenn man sich nicht brav verhält. Und diese Angst ist durchaus objektiv
berechtigt, da die Herrschaftstechniken unserer Gesellschaft darauf beruhen. Das Thema 'Herrschaft' ist allerdings für Richter nicht vorhanden, womöglich glaubt er es durch seine Theorie hierarchischer
Angstvermeidung vollständig erfaßt zu haben. Oder er packt diese ungeklärten Fragen in den vagen Begriff von „Kultur“. Nachdem die Kriegsgesellschaften und die extremen Klassengesellschaften hoffentlich erst
einmal der Vergangenheit angehören, besteht aber immer noch weiterhin der Ökonomismus mit seinem Herrschaftsanspruch. Insofern läßt sich meiner Ansicht nach das Thema ängstlich angepaßter Konformismus nicht nur auf
Angst-Weitergabe und entsprechende Gegen-Therapie bzw. neue Erziehungmethoden reduzieren. Es spielen durchaus noch gesamtgesellschaftliche Determinanten von Herrschaft eine gewichtige Rolle.
Als Erklärungsmuster des typischen Konformismus dient Richter die Pseudogemeinschaft der angstneurotischen Familie, die Forscher
der Psychosomatischen Klinik in Gießen genauer untersuchten: „Aber dann ging uns mehr und mehr auf, daß wir es hier mit
einem weitverbreiteten Strukturprinzip von Gruppen zu tun hatten. Es ist kaum zu bestreiten, daß in unserer Kulturtradition Normen bürgerlichen Familienlebens vermittelt werden, die zumindest von angstneurotischen
Momenten stark durchsetzt sind.“ (S. 76). Auf Seite 74 f. gibt Richter eine Typologie dieser angstneurotischen Familie. Im
Folgenden zitiere ich diese Darstellung:
Das Vorstellungsmodell des Sanatoriums taugt auch zur Beschreibung der Art von Beziehung, welche die
angstneurotische Gruppe nach außen pflegt. Ein Sanatorium ist ein von der Gesellschaft respektierter Schonraum. In diesen dürfen sich geschwächte, kranke Menschen um den Preis zurückziehen, daß sie von dort aus nicht aktiv an den Entscheidungen teilzunehmen beanspruchen, die „draußen“, nämlich in der eigentlichen sozialen Realität, getroffen werden müssen. Dies entspricht dem kindlichen Niveau des Sanatoriumlebens: die Insassen können der äußeren Versorgung und Rücksichtnahme sicher sein, so lange sie sich brav verhalten und willfährig die Vormundschaft der übrigen hinnehmen, die inzwischen die gesellschaftlichen Geschicke gestalten. Dementsprechend besteht die Strategie der angstneurotischen Familie darin, daß sie sich auf eine besonders gefügige Weise an die geltenden Normen und Erwartungen anzupassen versucht. Man gleicht sich chamäleonartig den Moden und den jeweils bestehenden politischen Verhältnissen an. Man exponiert sich nicht durch Stellungnahme zu kontroversen öffentlichen Fragen. Man vermeidet jede aktive Einmischung in Entscheidungsprozesse, in denen man für eine Partei oder gegen eine andere sichtbar eintreten müßte. Die angstneurotische Familie gehört zur Kerngruppe der typischen Mitläufer. Ihre Ängste zwingen sie, stets mit dem Hergebrachten und Üblichen zu sympathisieren. So apolitisch sich ihre Mitglieder zu verhalten neigen, so eindeutig schlägt ihr Herz für den Konservatismus. Jedes Experimentieren und Reformieren bringt Unruhe, nämlich Preisgabe von Vertrautem gegen Unvertrautes. Wie sie selbst in einem System von alteingefahrenen Ritualen leben und nach Möglichkeit nie improvisieren, sich nie auf Unberechenbares einlassen, so erscheinen ihnen um sie herum alle politischen Ansätze, die etwas verändern oder erneuern wollen, grundsätzlich suspekt. Die „Veränderer“ sind gefährlich, auch ohne daß man noch genauer wissen müßte, ob sie nicht tatsächlich einen schlechten Zustand verbessern könnten. Veränderung, Reform, Innovation sind für die Mitglieder einer angstneurotischen Gruppe automatisch beunruhigende, ja anwidernde Reizworte. Die Preisgabe irgendeiner eingefahrenen politischen Regelung oder Konzeption erschreckt sie genauso wie jede fundamentale Veränderung ihrer Umwelt. In der Wandlung schlechthin steckt für sie das Moment von gefährlicher Trennung. Man kann sich nur geborgen fühlen in einer Umwelt, die morgen noch genauso ist wie heute und gestern. Was anders wird, wird fremd, unheimlich und mobilisiert sofort eine Verstärkung der mühsam beschwichtigten Vereinsamungs- und Vernichtungsängste. Natürlich ist man in dieser Gruppenkonstellation auch immer auf der Seite von law and order.
Je perfekter die Ordnung, um so geringer erscheinen die Risiken. Man wünscht sich eine starke Führung, weil das eigene kindlich-regressive Erlebnisniveau des Schutzes omnipotenter und unfehlbarer Autoritäts- bzw.
Elternfiguren bedarf. Die Unfähigkeit dieser Menschen, irgendwo selbst aktiv politisch mitzuwirken, verlangt natürlich nach der Illusion, daß man das eigene Schicksal getrost in die Hand einer perfekten Obrigkeit zu
legen vermag.
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