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Im Folgenden ist eine Stellungnahme (vom 09. Dez. 05)
von Tobias Fengler und mir zu dem in der Frankfurter Rundschau (vom 28. Okt. 05) abgedruckten Quantenquark-Artikel von Jörg Ulrich und seinem Ko-Autor Claus Peter Ortlieb, einem Mathematiker, aufgeführt. Es handelt sich bei dem Quantenquark-Artikel um eine sozusagen marxistische Auseinandersetzung mit dem Potsdamer Manifest (bzw.
dessen ausführlicher Fassung Potsdamer Denkschrift) des Physikers Hans-Peter Dürr (und anderen Autoren). Ich kenne Jörg Ulrich noch aus meiner Studienzeit, ich hatte damals verschiedene Diskussionsabende mit ihm.
Tobi hat mit ihm eine heute noch anhaltende freundschaftliche Verbindung, die auch vor kritischen Auseinandersetzungen nicht zurückscheut.
Man findet das Potsdamer Manifest 2005 abgedruckt in der AG Friedensforschung an der Uni Kassel. Die ausführliche (und deswegen empfehlenswertere) Potsdamer Denkschrift 2005 findet sich ebenfalls dort als PDF-Datei. Auch der Artikel von Jörg Ulrich und seinem Koautor findet sich dort: Quantenquark: Über ein deutsches Manifest.
Lieber Jörg,
Aulbach und ich haben in unserer gestrigen Mittwochssitzung eure
Stellungnahme zum Potsdamer Manifest behandelt. Obwohl wir die Kritik an manchen Stellen für angebracht halten, sind wir nicht allzu begeistert. Zunächst einmal etwas zur Person von Dürr und seinem Umfeld. Dürr ist
einer jener ganz wenigen Naturwissenschaftler, die sich ernsthaft mit Alternativen zu unserem jetzigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem befassen. Obwohl uns manches wesentlich erklärungsbedürftiger erscheint,
was er sagt, erkennen wir jedoch an, dass er damit sich weit aus der Masse der Kollegen heraushebt, die entweder rechts oder völlig unpolitisch sind. Es gehen von eurer Kritik keine Anreize aus, dass andere
Naturwissenschaftler seinem Beispiel folgen. Das Gleiche kann man generell von einer Art des politischen Diskurses sagen, in dem Herabwürdigungen und Diskriminierungen gang und gäbe sind. Aber muss man ausgerechnet
einen wie ihn in die Nähe zum schlimmsten Verbrechen rücken, das wir kennen? Wir hätten uns eine Kritik ohne verletzende Zwischentöne gewünscht. Hier wurde unserer Meinung nach zu dick aufgetragen und das spricht
nicht gerade für die Souveränität der Kritiker.
Ihr wartet an mehreren Stellen mit apodiktischen Behauptungen auf,
die sich bei näherer Prüfung einfach als falsch herausstellen. Zum Beispiel die Behauptung, die Verfasser des Manifests bzw. der Denkschrift hätten keinerlei Begriff von ‘Kapitalismus’. Aber an zwei Stellen ist
explizit vom „Kapital“ (S.16 unten und S.13 oben der Denkschrift) die Rede und an anderer Stelle (S.10 oben) vom „Mechanismus der Märkte“. Dieser Begriff von Kapital, wie ihn Dürr verwendet, mag in euren Augen
falsch sein, aber die Begründung dafür, warum euer Kapitalismusbegriff der bessere ist, läßt zu wünschen übrig. Dass ohne Profit und selbstzweckhaften Antrieb, aus Geld mehr Geld zu machen nichts liefe („nicht die
geringste wirtschaftliche Aktivität mehr stattfände. Und wir alle … machen mit und müssen mitmachen schon um des nackten Überlebens willen.“ (Zitat aus eurer „kritischen Stellungnahme“)), sind gewagte All-Aussagen, die sich leicht widerlegen lassen, sobald nur ein einziger Fall dem widerspricht. (Wie dein Ko-Autor eurer kritischen Stellungnahme, ein Mathematiker, diese logische Trivialität vernachlässigen kann, ist uns ein besonderes Rätsel!)
Diese Behauptungen ignorieren nicht nur unzählige Einzelpersonen,
deren wirtschaftliches Handeln nicht diesen Maximen entspricht, sondern auch all die kooperativen Netzwerke mitten in der Marktwirtschaft, bei denen die wirtschaftenden Subjekte auf marktübliche Preise verzichten.
Hier seid ihr sogar noch apodiktischer als beispielsweise Robert Kurz, dem solche Phänomene bekannt sind und der sich an einer Stelle sogar bitter darüber beklagt hat, dass die bürgerlichen Medien derartige Projekte nicht
registrieren und statt dessen immer nur die üblichen Polit-Kasper spiegeln.
Dass die Nationalökonomie und auch diverse Vorstellungen von
Gesellschaft naturwissenschaftliche Elemente in sich bergen, wie etwa die Idee vom "Gleichgewicht" zeigt, kann man nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Wir fragen uns, ob es nicht völlig unhistorisch
ist zu meinen, irgendjemand, der von ‚Gesellschaft’ redet, könne sich außerhalb solcher Bezüge stellen. Auch Marx hat in seiner Schrift über die Klassenkämpfe in Frankreich unseres Erachtens eine
"Kräftephysik" zur Grundlage seiner Überlegungen gemacht. Foucault z.B. spricht in seiner "Mikrophysik der Macht” vom „sozialen Feld“. Der Feldbegriff kommt unseres
Wissens aus der Physik.
Und manches an Soziologie, wie schon das Beispiel Emile Durkheim zeigt, ist organizistisch, holistisch, systemtheoretisch, kybernetisch, auf Selbstorganisation bezogen o.ä. Nun kann man all das natürlich kritisieren und beispielsweise als ‚biologistisch’ abtun, aber Durkheim war kein völkischer Faschist oder Gegenaufklärer und andere organizistische bzw. systemtheoretische Autoren (wie z.B. Parsons oder Luhmann) waren es ebenfalls nicht.
Es ist daher sicher realistisch, anzunehmen, dass die
Naturwissenschaft die Gesellschaftstheorien beeinflusst und ein Ausstieg, eine Scheidung letztlich nicht möglich ist. Dass jemand daraus die Konsequenz zieht, und neue naturwissenschaftliche Modelle einführt mit der
Intention, dadurch eine bessere Grundlage für gesellschaftliche Überlegungen zu schaffen als bisher, ist unseres Erachtens bestimmt nicht uninteressant.
Die Quantenphysik ist offenbar nicht „nur noch mathematisch“ faßbar,
wie von euch behauptet, sondern bei den ursprünglichen Diskussionen teilweise auch ohne explizite Mathematik entstanden. Heisenberg vor allem hat bei der Entwicklung seiner Theorien streng darauf geachtet, erst einmal die Mathematiker außen vor zu lassen. Hans-Peter Dürr, der viele Jahre lang mit Heisenberg eng zusammenarbeitete, berichtet in seinem Aufsatz „Werner Heisenberg – Mensch und Forscher“ (in: Das Netz des Physikers,
DTV München, 1990, S.125 ff.): „Insbesondere in der kreativen Anfangsphase gab er der Sprache gegenüber der mathematischen Ausdrucksweise den Vorzug, da sie unschärfer war und sich deshalb für Tastversuche besser
eignete als das Präzisionswerkzeug der Mathematik.“ Auch hier wieder von euch eine Übertreibung von Fakten. Wir denken, man sollte Dürr zugestehen, daß seine naturphilosophischen Überlegungen aus vielerlei
ernsthaften Diskussionen (z.B. mit Heisenberg) und wissenschaftlichen Erfahrungen erwachsen sind und keineswegs einfach nur als „Quantenquark“ oder gar als „völkische und biologistische Esoterik“ abzutun sind.
Euch scheint auch entgangen zu sein, dass dieser Entwurf eigentlich
eine Feminisierung von Gesellschaft darstellt, weil er deutlich allen zentralistischen Machtstrategien eine Absage erteilt. Es handelt sich bei dem Manifest bzw.der Denkschrift keineswegs um einen „Text mit einem
prinzipell frauenfeindlichen Grundmuster“ wie ihr in eurer Kritik behauptet. Da mag es Brüche geben, Erklärungsbedarf, wie diese Dezentralisierung zu schaffen sei. Aber das Hineinzwängen aller Erscheinungen in eine
abstrakte Idee von ‚Kapitalismus’, ohne auch die Widersprüche zu diesem Konzept aufzuzeigen und auch die in dieses Konzept von ‚Kapitalismus’ nicht hineinpassenden Prozesse und Verhaltensweisen als Chancen zu sehen,
ist selber nur eine Verdoppelung solcher Machtstrategien, auch wenn sie in kritischer Absicht erfolgt.
Gruß Tobias
Eine weitere Kritik an dem Quantenquark-Artikel findet sich im
“Weltexpress” vom 16.11.05 von Ulrich Mellenthin.
Noch eine Kritik von Erhard O. Müller (Herbst 2005)
Der folgende Link führt zum Abdruck eines Interviews mit H.P. Dürr im Deutschlandradio vom 17.10.05. Das Interview bezieht sich auf das Potsdamer Manifest von 2005.
Zum Thema “struktureller Antisemitismus” vgl. auch den folgenden Artikel von Gerhard Hanloser vom 12.11.05
http://www.linksnet.de/artikel.php?id=2003
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