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Was ist Wissenschaft?

 

Cassirer-B 600

 

14,04,22 – Was ist Wissenschaft?

Die Frage wird von mir speziell bezogen auf die Soziologie.

Als Grundlage für diese Fragestellung nehme ich das oben abgebildete Buch von Ernst Cassirer.

Das Buch stammt ursprünglich von 1904. Die Ausgabe von 1922 ist die 3. Auflage. -  Von dem insgesamt 4-bändigen Werk gab es 1994 ein Reprint in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt. Man kann sich den 1. Band übrigens kostenlos als PDF-Datei im „Internet Archive“ herunterladen.

Ab der Seite 314 beginnt das Zweite Kapitel: „Die Entstehung der exakten Wissenschaften“. Bei der Darstellung von Leonardo da Vinci (1452-1519), Kepler (1571-1630) und Galilei (1564-1641) durch Cassirer  kann man die entscheidenden Grundlegungen des wissenschaftlichen Denkens erfassen. Durch entsprechende markante Zitate und ihre Interpretation bzgl. der Soziologie werde ich mein Thema klarzulegen versuchen.

 

(01) Seite 317f.

<Und der erste, der die methodischen Grundlagen der Erfahrungswissenschaft  bestimmt ausgesprochen hat, hat zugleich die neue Anschauung des Weltbaues vorweggenommen: bei Leonardo da Vinci ist die Erde zum Stern unter Sternen relativiert, die Sonne zum unbewegten Mittelpunkt geworden. Der Zusammenhang beider Probleme wurzelt in ihrer gemeinsamen logischen Grundlage. Galilei bereits sieht den eigentlichen Ruhm der Copernikanischen Entdeckung nicht im Ergebnis, sondern in der Denkweise, die sich in ihr bekundet: in der Kraft und Lebendigkeit, mit der der Geist hier allem unmittelbaren Sinnenschein zum Trotz die Gründe der Vernunft behauptet und aufrecht erhält. In dem modernen Bilde der Welt ist der Vernunft ein neuer Platz und ein neues Anrecht erobert.

….die Erfassung der Wirklichkeit führt durch Mittelglieder, die nur der Gedanke, nicht die direkte Wahrnehmung zu beglaubigen vermag.>

 

Kommentar:

 

In einer ‚Soziologie‘, wie ich sie verstehe, wird der äußere Anschein (die naive Auffassungsweise) der menschlichen Realität überwunden, und diese obige Haltung bzgl. der „methodischen Grundlagen der Erfahrungswissenschaft“  ist hier ebenfalls erforderlich. Beispielsweise denkt der naive Mensch oft, daß er ganz individuell er selber sei, er sei ganz ‚eigen‘. Soziologischerweise aber gilt: je naiver jemand so was von sich selber behauptet, desto reichlicher ist anzunehmen, daß er/sie eine Marionette gesellschaftlicher Verhältnisse ist: distanzlos geprägt von sozialen Rollen und entsprechenden Einstellungen. Eine gute Einführung in das Thema ist meiner Ansicht nach das Büchlein von Ralf Dahrendorf: Homo Sociologicus (1958, 17.Auflage 2010).

 

Da der universitäre Soziologie-Begriff sehr unscharf ist und nur wenige Könner, etliche Halbkönner und manche Scharlatane unter dem Dach dieser wichtigen Fachrichtung herumgeistern, ist es wichtig, daß ich hier und im Folgenden klar zu stellen versuche, wie ich die ‚Soziologie‘ verstehe, um mögliche Mißverständnisse zu vermeiden.

 

(02) Seite 321 (bezogen auf Leonardo da Vinci):

<Und so ist es denn auch die reine Mathematik, unter deren Herrschaft und Leitung der Naturbegriff gestellt wird, Das ist das Entscheidende in Leonardos Auffassung der Mathematik, daß sie nicht nur um ihrer inneren, immanenten Gewißheit, ihrer subjektiven ,,certezza" willen an die Spitze tritt, sondern daß sie als notwendige Vorstufe gilt, um den Begriff einer Regel und eines Gesetzes der Natur zu fixieren.

Das Kriterium des Mathematischen erst scheidet die Eine unverbrüchliche Gesetzesordnung, die keine chimärische Ausnahme zuläßt, von beliebigen Gebilden der Einbildungskraft, bildet somit die Grenzlinie zwischen Sophistik und Wissenschaft. ,,Wer die höchste Gewißheit der Mathematik schmäht, nährt seinen Geist von Verwirrung und wird den sophistischen Lehren, die nur auf ewige Wortstreitigkeiten hinauslaufen, niemals Schweigen gebieten können".

Die Mathematik … wurzelt im Gedanken der Notwendigkeit und überträgt diesen Gedanken auf alles, was sie ergreift.>

 

Kommentar:

 

Hier ist ein entscheidender Unterschied der Physik zur Soziologie. Die Physik bestimmt sich genau dadurch, daß alle Naturerscheinungen, die sich in mathematischen Gesetzes-Strukturen (‚Formeln‘) darstellen lassen, von ihr erfaßt und systematisiert werden. Bekannteste Beispiele sind das Fallgesetz von Galilei, die Keplerschen Gesetze, das Gravitationsgesetz oder die Einstein‘sche Beziehung E=mc². – Damit bleibt für alle anderen Wissenschaften nur noch was Anderes übrig. Sie suchen ebenfalls nach  „Notwendigkeit“, doch ist sie nicht so absolut sicher, wie die harte Notwendigkeit der Mathematik in der reinen Physik. Meist ist diese ‚gewöhnliche‘ Art der ‚Notwendigkeit‘ durchlöchert durch Ausnahmen und die Härte des Gesetzes weicht mehr oder minder irgendwelchen Gummi-Paragraphen. Ein Beispiel sind die  gummi-artigen Wetterprognosen der durchaus wissenschaftlichen Wetterbeobachtungen mit Hilfe von tatsächlich allerlei harter Mathematik und Physik. – Und hier ist schon ein erster Ansatz für Mathematik in der Soziologie, indem nämlich mit Hilfe von Statistik Prognosen erstellt werden – etwa Wahlprognosen.

 

Jedoch ‚Soziologie‘ im eigentlichen Sinne sollte es meiner Ansicht nach mit notwendigen Strukturen  und nicht vorwiegend mit statistischen Analysen zu tun haben. – Eine solche ‚notwendige Struktur‘ ist etwa der Zusammenhang von Interessen: Zum Beispiel: die Weintrinker suchen (aufgrund von Genußinteressen) nach geeigneten Winzern und die Winzer suchen (aufgrund von Gewinninteressen) nach geeigneten Weintrinkern ihrer Weine. Wenn diesen zweierlei Interessen auf dem ‚Markt‘ frei nachgegangen werden kann (z.B. ohne staatliche Intervention),  so ergibt sich ‚notwendigerweise‘ eine Entwicklung hin zum gegenseitigen Befriedigen der beiderseitigen Interessen – zumindest prinzipiell. – Solcherlei ‚Notwendigkeit‘ erscheint im Rahmen der Geldwirtschaft  quasi ‚natürlich‘ und wird deswegen bei soziologischen Überlegungen ohne weiteres als Voraussetzung  akzeptiert. – Weitere Beispiele für ‚Notwendigkeit‘  finden sich etwa bei der ‚empirischen Wahlforschung‘, indem versucht wird, die Determinanten für Wählerentscheidungen zu bestimmen. Bekannt dafür ist das soziologische Werk von Paul Felix Lazarsfeld: The People’s Choice, USA 1944.

Kurz zusammengefaßt kann man sagen: Der Kern einer wissenschaftlichen Untersuchung besteht in der Annahme einer ‚Notwendigkeit‘, die als Grund-Voraussetzung für die übrigen Überlegungen genommen wird. Sie ist das entscheidende ‚theoretische‘ Element.

 

(03) S.326 (bezogen auf Leonardo da Vinci):

<Wir dürfen uns nicht in der Betrachtung des Einzelnen verlieren, sondern müssen das allgemeine Gesetz zu verstehen trachten, das über ihm steht und es beherrscht. Die Gesetzeserkenntnis liefert uns den einzigen Kompaß im Meer der besonderen Tatsachen und der praktischen Einzeldaten, ohne welchen wir blind und steuerlos blieben. Die Theorie ist es, die der Erfahrung selbst die Richtung gibt.>

 

Kommentar:

 

Hier sind zwei wesentliche Sachverhalte angesprochen, die eine Soziologie, wie ich sie verstehe, ausmachen. Erstens kann man mit statistischen Methoden oder auch (historischen) Erzählungen noch so viele mehr oder minder interessante Einzeltatsachen erforschen und darstellen, das ist noch keine soziologische Wissenschaft. Man bleibt, bei aller Liebe zum Detail, nach wie vor prinzipiell „blind und steuerlos“. Erst wenn man mit Hilfe der ‚Notwendigkeit‘ auf „Gesetzeserkenntnis“ aus ist, ergibt sich soziologische Erkenntnis im eigentlichen Sinne. Das Austüfteln und Erkennen der ‚Notwendigkeit‘ ist jedoch Theorie (vgl. oben 02).  Erst mit Hilfe solcher Theorie kann es - mehr oder minder gut - gelingen, die Realität (-> „die Erfahrung“) in gewissen Teilaspekten zu entschlüsseln.

 

(04) S.327f. (bezogen auf Leonardo da Vinci und Campanella)

<Das echte Schauen und Spekulieren des Forschers scheidet sich für immer von der schweifenden Phantasie der „Schwarmgeister".

Es ist ein allgemeines Streben der Renaissance, die besondere Leistung und den besonderen Wert, der der ,,Einbildungskraft" im Ganzen des menschlichen Erkennens zukommt, auszuzeichnen und zu umgrenzen. In einer Einteilung der ,,Seelenvermögen", die  C a m p a n e l l a  vornimmt, wird an letzter Stelle, neben dem diskursiven Verstand und über die sinnliche Reproduktion erhaben, eine eigene Tätigkeit der ,,Imagination" anerkannt. Ihr Ziel ist nicht nur, gegebene Vorstellungselemente zu neuen, bisher unbekannten Verbindungen zusammenzufügen, sondern zugleich Wissenschaften durch Festsetzung von Prinzipien und Entwicklung von Schlußfolgerungen von Grund aus hervorzubringen und zu gestalten. Diese Bedeutung der ,,g e i s t i g e n Einbildungskraft", die von der sinnlichen Phantasie ausdrücklich geschieden wird, bewährt sich nicht nur im Gebiet des Denkens, sondern zugleich in dem des Wollens und Handelns: es ist bezeichnend für Campanella, daß er sie vor allem für das Gebiet der Politik in Anspruch nimmt, in dem sich seine eigene ideelle Gestaltungskraft am reinsten betätigt hat.>

 

Kommentar:

 

Diese „geistige Einbildungskraft“ würde ich identifizieren a) mit Argumentationsfähigkeit und b) mit zugehörigen Hypothesenbildungs- und Theoriebildungsprozessen (-> „Festsetzung von Prinzipien“ – vgl. auch 03).  Zu einer Wissenschaft wie die Soziologie (zumindest, wie ich sie verstehe), gehört zwingend eine solide Argumentation inklusive haltbarer Beweisführungen (-> „Entwicklung von Schlußfolgerungen“) auf der Basis von festgelegten ‚Notwendigkeiten‘  (-> „Prinzipien“). Vgl. zum Thema Argumentation meine entsprechende Website: Projekt ‘Argumentation’.

 

(05) S.329 (bezogen auf Kepler)

<In Keplers Beobachtungen über die Marsbewegungen ist das neue Ideal der Induktion bereits mit einer logischen Schärfe und Reinheit, die später kaum zu überbieten war, verwirklicht. Kepler selbst berichtet in der Darlegung seines Forschungsganges, wie er zunächst zu einer Hypothese gelangt sei, die alle Beobachtungen bis auf acht Minuten genau darstellte, und wie der einzige Umstand, daß er diese, nach dem Maßstab und Urteil seiner Zeit geringfügige Differenz nicht übersah und vernachlässigte, ihn zur Reform der gesamten Astronomie geführt habe . Diese strenge Bezogenheit des Denkens auf die Wahrnehmung, in der es seine notwendige und unerläßliche Kontrolle findet, ist die Grundforderung seiner Wissenschaft.>

 

Kommentar:

 

Es gehört zur Logik der Sache, daß ein Forscher etliche Jahre über seinem Thema kritisch reflektieren muß (mit den Notbehelfen der alten Denkgewohnheiten!) – es in allen seinen verschiedenen Aspekten und Beziehungen, die ihm zu seiner Zeit mit dem gegebenen Wissen zugänglich sind, erfassen muß – bevor es ihm evtl. gelingen kann, den Durchbruch zur Klarheit bzgl. seines Themas zu schaffen. Dabei ist es wichtig, daß er sich nix vormacht, wenn seine Ideen auf die Dauer haltbar sein sollen. Das heißt, er muß immer darauf aus sein, seine Ideen dem Widerspruchstest an der Realität (-> an der „Wahrnehmung“) auszusetzen. Dafür ist die obige Ausführung (05) über Kepler ein hervorragendes Beispiel.

Das gilt selbstverständlich auch für soziologische Ideen, sofern sie anspruchsvoller sind als (unter Umständen hochgeschätzte) modische oder ideologische Verstiegenheiten.

 

(06) S.242f. (bezogen auf Kepler)

<Damit eine Hypothese ,,wahr“ sei, genügt es nicht, daß sie einzig und allein die astronomischen Erscheinungen, die doch nur einen begrenzten Ausschnitt aus unserer Gesamterfahrung bilden, in einer kurzen Formel zum Ausdruck bringt: sie muß sie zugleich in einer Weise wiedergeben, die unserer Einsicht in die Bedingungen alles konkreten Naturgeschehens überhaupt entspricht. Die Begründung der Astronomie kann nur im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Grundlegung der Physik geleistet werden. Die Wahrheit einer bestimmten Annahme wird also nicht einzig durch die unmittelbare Bestätigung, die sie in einzelnen sinnlichen Tatsachen findet, bezeugt, sondern bedarf der Prüfung und Kontrolle durch ein System mathematisch-physikalischer Grundsätze. Erst durch die Einordnung in diesen universalen Zusammenhang wird eine Erscheinung wahrhaft beglaubigt und „gerettet".>

 

Kommentar:

 

Das ist in meinen Augen ein sehr entscheidender Gesichtspunkt. Auch in der Soziologie muß meiner Ansicht nach ein einzelner Tatbestand in einen umfassenderen Rahmen eingeordnet werden, um ihn wahrhaft verständlich zu machen. Der umfassende Rahmen ist die Darstellung des Gesellschaftssystems, in welches die einzelnen Menschen rollenmäßig und mit den entsprechenden Gesellschafts- und Rollen-konformen psychisch-geistigen Einstellungen eingeordnet sind. Solch ein Gesellschaftssystem kann beispielsweise eine arbeitsteilig zusammenwirkende Gruppierung von archaischen Fischern an irgendeiner asiatischen oder afrikanischen Küste sein oder ein relativ autarkes Dorf mit Kleinbauern in kleinasiatischen Bergregionen.

Das Gesellschaftssystem auf das sich die Soziologie gewöhnlich bezieht, ist die vorgegebene moderne europäisch-nordamerikanische  Zivilisation (seit ca. 1750). Sie gehört nach meiner Sichtweise zur Menge all der Gesellschaften, die Lewis Mumford in seinem instruktiven Werk „Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht“. USA 1967/70, mit dem Oberbegriff „Megamaschine“ versieht.

 

Beispielsweise Robert Michels behauptet es gäbe ein ehernes Gesetz der Oligarchiebildung – und zwar in seiner unter Sozialwissenschaftlern zu recht  geschätzten ausführlichen Abhandlung von 1911 „Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens“ .

Aus einem Artikel der Wikipedia diesbezüglich:

<Michels vermutete, dass jede Organisation, gleich, wie demokratisch oder autokratisch ihre Ideologie zu Beginn gewesen sein mochte, letztendlich zur Bildung einer Oligarchie führen müsse. Seine vielzitierte Kernthese lautet:

„Die Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewählten über die Wähler, der Beauftragten über die Auftraggeber, der Delegierten über die Delegierenden.“> (Wikipedia)

Dieses soziologische Gesetz wird meines Ermessens erst dann richtig verständlich und akzeptabel, wenn man es in den Rahmen des bestehenden Gesellschaftssystems (als eine spezielle Form der Mumford‘schen ‚Megamaschine‘) einordnet. Erst dann ist es tatsächlich eine wissenschaftliche Gesetzmäßigkeit.

 

(07) S.346 (bezogen auf Kepler)

<Was uns unmittelbar gegeben ist, sind stets nur Zeichen und ,, Symptome", nicht die Gründe der Naturvorgänge; diese sind niemals durch direkte Wahrnehmung, sondern nur durch Vernunftbegriffe zu fassen, die wir hypothetisch aufstellen, um sie nachträglich in ihrer Fruchtbarkeit für die künftige Beobachtung zu bewähren.>

 

Kommentar:

 

Hier ist der Hypthesenbildungsprozeß genau dargestellt, der das Wesen des realistischen neuzeitlichen Denkens ausmacht. Wir nehmen vielerlei Sachen wahr, können diese aber oft nicht sinnvoll einordnen oder erklären. Wir haben beispielsweise irgendwas mit der Schilddrüse,  „Zeichen und Symptome“:  Die Schilddrüse ist dick (-> direkte Wahrnehmung). Jetzt kommen medizinische „Vernunftbegriffe“ ins Spiel, die eine Erklärung bieten sollen: z.B. „Morbus Basedow“.  - Die Entwicklung solcher „Vernunftbegriffe“ war übrigens in vielen Fällen ein sehr langwieriger historischer Prozeß. Vgl. dazu das instruktive Buch von Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935, Suhrkamp 1980). Eine sehr gute Rezension zu diesem Buch findet man bei Amazon: die Bewertung von Dr. P. Guenter Strauss vom 26.08.07.

 

Analog ist das mit soziologischen „Vernunftbegriffen“. Als Beispiel kann dienen der Begriff des „Usurpatorkomplexes“. Es handelt sich um eine sozialpsychologische ‚Einstellung‘ konservativ-autoritärer Personen, wonach nur den ‚richtigen Leuten‘ Positionen und Macht zustehe. Wenn die ‚falschen Leute‘ hohe Positionen einnehmen, so hätten sie diese usurpiert, d.h. unberechtigt an sich gerissen. Theodor W. Adorno, der diesen Begriff „Usurpatorkomplex“ in den „Studien zum autoritären Charakter“ (ca. 1945) prägte, fand mit der Methode von qualitativen Interviews und statistischen Methoden diese Einstellung von autoritär Konservativen in den USA gegenüber Präsident Roosevelt. Vgl. dazu meine Darlegung  <Das Problem  der politischen Kompetenz. Der Begriff ‚Usurpatorkomplex’ bei Adorno (1950)>. – Mit Hilfe des Begriffs  „Usurpatorkomplex“ kann man also bestimmte Verhaltensweisen einordnen und erklären, die einem ansonsten unverständlich geblieben wären.

 

(08) S.384f. (bezogen auf Galilei)

<Und somit ergibt sich jetzt eine neue Fassung der allgemeinen wissenschaftlichen Aufgabe. Das Abstrakte und das Konkrete, die „Theorie" und das ,,Phänomen" stimmen freilich auf keiner Stufe unserer wissenschaftlichen Erfahrung jemals vollkommen überein. Aber der Grund hierfür ist nicht in irgendeiner ontologischen Differenz ihrer beiden ,,Naturen" zu suchen, so daß hier ein sachlich unaufheblicher Widerstreit vorläge: vielmehr ist es gerade die fortschreitende Aufhebung dieses Gegensatzes, die das Ziel und den eigentlichen Inhalt aller Erkenntnis ausmacht. Soweit der Gegensatz vorhanden ist, bezeichnet er daher immer nur den Ansatz zu neuen Problemen und Forschungen.>

 

Kommentar:

 

Man erkennt hier die wichtige Rolle der Kritik in der Wissenschaft. Denn ein wesentliches Moment der Kritik liegt im Aufweis, wo eine Idee nicht konform mit der Wirklichkeit ist. Als soziologisches Beispiel möge die Revolutionstheorie von Karl Marx (1843) dienen, die tatsächlich eine Art soziologischer Theorie darstellt. Dadurch, daß über 140 Jahre lang keine ernsthafte Kritik an dieser Theorie marxistischerseits geduldet wurde, konnte sie in verheerendem Ausmaß Unfug in der Welt stiften, da sie die ideologische Basis für die weltweite kommunistische Bewegung bildete. Eine genauere Analyse und Kritik dieser Revolutionstheorie findet sich in meiner Darlegung: „Die fehlerhafte Beweisführung der geschichtslogischen Rolle des Proletariats“.

 

Doch es ist eine klare soziologische Gesetzmäßigkeit, daß bei starkem Interesse an einer Ideologie, eine wissenschaftliche Kritik daran, seitens der Interessenten nicht erwünscht ist! Und das Interesse an der marxistisch-kommunistischen Ideologie war viele Jahrzehnte lang weltweit stark verbreitet – aus welchen Gründen auch immer. – Bei dieser soziologischen Erwägung bestimmter Widerstände gegen eine realistische Sichtweise kann man einen deutlichen Unterschied zwischen Sozialwissenschaft und Naturwissenschaft erkennen. Zwar hatte die Naturwissenschaft bis Newton ebenfalls mit starken ideologischen Widerständen auch innerhalb der eigenen Reihen der Philosophen zu kämpfen, das hat sich aber dann mit dem Siegeszug der Newtonschen Physik bald fundamental geändert. Bei allem Paradigmen-Konservatismus (vgl. Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1962)) konnte sich dennoch wissenschaftliche Kritik in vielen Fällen in der Naturwissenschaft durchsetzen. Später (bis heute) gab es aber immer noch massive ideologische Widerstände gegen einen wichtigen Teil der Naturwissenschaft, nämlich die Evolutionstheorie Darwins. Aber prinzipiell ist die Naturwissenschaft – wenn man sie rein inhaltlich betrachtet  -  jenseits der Ideologie. Nicht dagegen die Sozialwissenschaft. Hier gehen sowohl ideologische als auch genuin wissenschaftliche Ansichten und des weiteren pseudowissenschaftliches Gefasel in die Lehrmeinungen und Bücher ein, so daß man ein buntes Kauderwelsch vorfindet, und lernen muß (und das gehört wesentlich zum geheimen Lehrplan eines Soziologiestudiums, wie ich es verstehe), die Spreu vom Weizen, das Verwertbare vom Müll zu trennen.

 

Hier taucht natürlich die Frage auf: Was ist Ideologie – oder besser: Was verstehe ich unter Ideologie, denn um diesen Begriff finden ebenfalls diverse (geheime) Grabenkämpfe und außerdem noch jede Menge Geschwätz statt. Ich verstehe darunter, daß systematisch unhaltbare Argumentation für einen Interessenzweck benutzt wird. Eine genauere Darlegung solcher unhaltbaren Argumentationen, ihrer Bedeutung und ihrer Zwecke findet sich in meiner Tabelle ideologischer Argumentationstricks.

 

(09) S.401 (bezogen auf Galilei)

<… einer der führenden Aristoteliker der Zeit, Cesare Cremonini, formuliert noch einmal in voller Allgemeinheit das Axiom, daß Bewegung nicht möglich sei ohne ein strebendes Subjekt und ein Ziel, dem es sich in seinem Streben zuwendet. Der absolute Charakter des Subjekts entscheidet über die Beziehungen, in die es eingeht …>

 

Kommentar:

 

Als soziologisches Beispiel kann man hier die für menschliche Verhältnisse universal geltende ‚Triebtheorie‘ Freuds nehmen. Es hat übrigens einen langen Loslösungsprozeß vieler Adepten der Freud‘schen Psychoanalyse gekostet, sich von diesem einleuchtenden (sozusagen ‚aristotelischen‘) Trieb-Modell hin zu einer Sichtweise von Beziehungen & Strukturen zu entwickeln – beispielsweise in der Familientherapie. Vgl. dazu paradigmatisch Horst-Eberhard Richter: Patient Familie (1970). Dazu gibt es auch einen interessanten Spiegel Artikel Nr.21 von 1970, der den entscheidenden Übergang diesbezüglich ansatzweise zu erhellen in der Lage ist.

 

Daß die Freud’sche Triebtheorie universelle Gültigkeit (also auch für soziologische Fragestellungen) beansprucht, zeigt sich an einem interessanten Fall. Es geht um das Thema: Warum Krieg? in einem Brief Freuds auf  entsprechende Fragen Einsteins (1932) an ihn als Psychologen. Eine der Fragen Einsteins war, ob hinter der Kriegsbegeisterung gewisse ‘Triebe’ als Ursache stecken. Die Antwort Freuds:

<„Sie verwundern sich darüber, daß es so leicht ist, die Menschen für den Krieg zu begeistern, und vermuten, daß etwas in ihnen wirksam ist, ein Trieb zum Hassen und Vernichten, der solcher Verhetzung entgegenkommt. Wiederum kann ich Ihnen nur uneingeschränkt beistimmen. Wir glauben an die Existenz eines solchen Triebes und haben uns gerade in den letzten Jahren bemüht, seine Äußerungen zu studieren. Darf ich Ihnen aus diesem Anlaß ein Stück der Trieblehre vortragen, zu der wir in der Psychoanalyse nach vielem Tasten und Schwanken gekommen sind?“>

Freud beantwortet die gestellte Frage durchaus im aristotelischen Stil: Nach Freud ist Krieg dem ‚Todestrieb‘ zu verdanken, die grundlegende Ursache ist ein an sich vorhandenes inneres Todes-Triebgeschehen (des Destruktionstriebes) der beteiligten Menschen.

 

Eine soziologisch und historisch fundierte (sozusagen nicht-aristotelische) Sichtweise der verschiedenen Themen, die Freud in seinem Brief an Einstein (kurz)  angeht, findet sich  in dem schon erwähnten grundlegenden Werk von Lewis Mumford: „Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht“. USA 1967/70.

 

 

Cassirer bringt die erkenntnistheoretische Problematik des Aristotelismus folgendermaßen auf den Begriff:

 

(10) S.402 (Substanz vs. Funktion)

<Ein anderes, tieferes Problem ist jetzt gestellt: die Frage ist, ob mit den Dingen oder den Beziehungen, ob mit dem Dasein oder mit den Formen der Verknüpfung zu beginnen ist. Gegenüber der substantiellen Weltansicht erhebt sich eine Auffassung, die auf dem Grunde des Funktionsbegriffs erwachsen ist.>

 

Tatsächlich hat Cassirer diesem Thema des „allgemeinen Fortschritts von der Substanz zur Funktion“ (S.402)  ein ganzes Buch gewidmet: „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“, Berlin 1910.

 

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Wer sich etwas Näher mit einer (in meinen Augen) sinnvollen Soziologie befassen will, dem kann ich das geistvolle Buch des nordamerikanischen Soziologen C.Wright Mills empfehlen: “Sociological Imagination”. Die deutsche Übersetzung von 1963 ist nur noch antiquarisch erhältlich und außerdem haarsträubend: denn schon allein der Titel (“Kritik der soziologischen Denkweise”) ist verfälschend; siehe tadelnd zu der miserablen Übersetzung den Artikel in der ‘Zeit’ von 1964. Deshalb empfehle ich das Buch im englischsprachigen Original. Man kann es bei Amazon erwerben. - Ich persönlich habe es als “Kindle Edition” (z.Zt. 2015 für 11,26€), was für mich den Vorteil hat, daß ich unbekannte Vokabeln (wenn auch leider nicht alle) easy und instantly aufrufen kann. Im Übrigen ist der englische Text insofern einfach zu lesen, als er nicht überfrachtet ist mit Spezial-Begriffen. - Desweiteren kann man sich als Besitzer eines ‘Kindle’ eine Leseprobe zusenden lassen, um das Buch vorher anzutesten.

 

 

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