Home
Was ist Wissenschaft?
Geburt von Wissenschaft
Rolle des Beispiels
Universität i.e.S.
Falsifikation
Geburt von Wissenschaft

 

Die Entwicklung eines Fortschritts im wissenschaftlichen Wissen – dargestellt von John Dewey

 

        John_Dewey_cph.3a51565-H600

(Lizenz - siehe Wikimedia)

 

 

John Dewey: Studies in Logical Theory

(1903, University of Chicago Press, Seite 11-13)

 

We come a little closer to the problem when we recognize [anerkennen, begreifen] that every scientific inquiry [Ermittlung] passes historically through at least four stages.

(a) The first of these stages is, if I may be allowed the bull [Nonsense], that in which scientific inquiry does not take place at all, because no problem or difficulty in the quality of the experience has presented itself to provoke reflection. We have only to cast our eye back from the existing status of any science, or back from the status of any particular topic in any science, to discover a time when no reflective or critical thinking busied itself [beschäftigte sich] with the matter—when the facts and relations were taken for granted [als selbstverständlich angesehen] and thus were lost and absorbed in the value [Nutzen] which accrued [angesammelt] from the experience.

(b) After the dawning of the problem, there comes a period of occupation with relatively crude [unreif, unverarbeitet] and unorganized facts—the hunting for, locating, and collecting of raw material. This is the empiric stage, which no existing science, however proud in its attained [erreichte] rationality, can disavow [ableugnen] as its own progenitor [Vorläufer, Erzeuger].

(c) Then there is also a speculative stage: a period of guessing, of making hypotheses, of framing ideas which later on are labeled and condemned as only ideas. There is a period of distinction [Differenzierung, Unterscheidung] and classification-making which later on is regarded as only mentally -gymnastic in character. And no science, however proud in its present security of experimental assurance [Gewissheit], can disavow [leugnen] a scholastic [schulmäßig] ancestor.

(d) Finally, there comes a period of fruitful interaction between the mere ideas and the mere facts: a period when observation is determined by experimental conditions depending upon the use of certain guiding conceptions; when reflection is directed and checked at every point by the use of experimental data, and by the necessity of finding such form for itself as will enable it to serve as premise [Voraussetzung, Prämisse] in a deduction leading to evolution [Entwicklung] of new meanings, and ultimately to experimental [auf Versuchen aufgebaute] inquiry [Recherche, Untersuchung, Befragung, Ermittlung, Überprüfung], which brings to light new facts. In the emerging [Neuentstehung] of a more orderly [systematisiert] and significant [aussagekräftig, bedeutsam] region of fact, and of a more coherent [stimmig, folgerichtig, verständlich] and self-luminous [selbständig leuchtend, erhellend] system of meaning, we have the natural limit [Obergrenze] of evolution of the logic of a given science.

But consider what has happened in this historic record [historische Bilanz]. Unanalyzed experience has broken up [aufgebrochen, aufgeteilt] into distinctions of facts and ideas; the factual side has been developed by indefinite and almost miscellaneous [verschiedenartige, vielseitige] descriptions and cumulative [zunehmend, sich häufend] listings [Auflistungen]; the conceptual [begrifflich] side has been developed by unchecked [unkontrolliert, ungehemmt] and speculative [auf Vermutungen beruhende] elaboration [Ausarbeitung] of definitions, classifications, etc. There has been a relegation [Verbannung] of accepted meanings to the limbo [Vorhölle] of mere [nichts als, bloße] ideas; there has been a passage of some of the accepted facts into the region of mere hypothesis and opinion. Conversely [im Gegenzug], there has been a continued issuing [Ausgabe] of ideas from the region of hypotheses and theories into that of facts, of accepted objective and meaningful contents. Out of a world of only seeming facts, and of only doubtful ideas, there emerges a universe continually growing in definiteness [Klarheit, Eindeutigkeit], order, and luminosity [Leuchtkraft].

This progress, verified in every record [Bericht] of science, is an absolute monstrosity [Ungeheuerlichkeit, Greueltat, Mißgestalt] from the standpoint of the epistemology [Erkenntnistheorie, Wissenschaftslehre] which assumes a thought in general, on one side, and a reality in general, on the other.

 

 

         John_Dewey_Grave-2-H600

(Lizenz - Wikimedia)

 

 

 

Ein Beispiel: Einstein (nach Carlo Rovelli)

...Doch etwas stört ihn: Seine Relativitätstheorie, wie gefeiert auch immer, stimmt nicht mit dem überein, was man über die Schwerkraft weiß, also darüber, wie die Dinge fallen. Dies wird ihm klar, als er für eine Zeitschrift einen Artikel über seine Theorie schreibt, und er fragt sich, ob die altehrwürdige Gravitationslehre des großen Vaters Newton nicht ebenfalls revidiert werden muss, damit sie mit der neuen Relativität kompatibel wird . Er vertieft sich in das Problem. Bis es gelöst ist, dauert es zehn Jahre. Zehn Jahre lang verrückte Forschungen, Versuche, Irrtümer, Verwirrung, misslungene Artikel, Geistesblitze, Fehlschlüsse. Im November 1915 schließlich gibt er einen Artikel in den Druck, der die vollständige Lösung enthält: eine neue Theorie der Gravitation, der er den Namen „Allgemeine Relativitätstheorie“ gibt, sein Meisterwerk.

(Aus: Carlo Rovelli, Sieben kurze Lektionen über Physik, Rowohlt 2015. Als Amazon Kindle Edition bei Position 79/83 von 246)

 

 

 

Ein weiteres Beispiel: Hermann von Helmholtz

Auch bin ich im Stande gewesen, einige mathematisch-physikalische Probleme zu lösen, und darunter sogar solche, an welchen die großen Mathematiker seit  E u l e r  sich vergebens bemüht hatten, z.B. die Fragen über die Wirbelbewegungen und die Discontinuität der Bewegung in Flüssigkeiten, die Frage über die Schallbewegung an den offenen Enden der Orgelpfeifen u.s.w.

Aber der Stolz, den ich über das Endresultat in diesen Fällen hätte  empfinden können, wurde beträchtlich herabgesetzt dadurch, dass ich wohl wusste, wie mir die Lösungen solcher Probleme fast immer nur durch allmählich wachsende Generalisationen von günstigen Beispielen, durch eine Reihe glücklicher Einfälle nach mancherlei Irrfahrten gelungen waren. Ich musste mich vergleichen einem Bergsteiger, der, ohne den Weg zu kennen, langsam und mühselig hinaufklimmt, oft umkehren muss, weil er nicht weiter kann, der bald durch Überlegung, bald durch Zufall neue Wegspuren entdeckt, die ihn wieder ein Stück vorwärts leiten, und endlich, wenn er sein Ziel erreicht, zu seiner Beschämung einen königlichen Weg findet, auf dem er hätte herauffahren können, wenn er gescheidt genug gewesen wäre, den richtigen Aufgang zu finden.

In meinen Abhandlungen habe ich natürlich den Leser dann nicht von meinen Irrfahrten unterhalten, sondern ihm nur den gebahnten Weg beschrieben, auf dem er jetzt ohne Mühe die Höhe erreichen mag.

(H.v. Helmholtz, Vorträge und Reden. Erster Band, Braunschweig 1903, Fünfte Auflage, S. 14f. Aus dem ersten Kapitel “Erinnerungen”. Tischrede gehalten bei der Feier des 70. Geburtstages, Berlin 1891)

 

 

 

Ein weiteres Beispiel: Wassermann (nach Ludwik Fleck)

(Siehe zum Wassermann-Test hier)

Seine Voraussetzungen waren unhaltbar, seine ersten Experimente unreproduzierbar, und doch waren beide von riesigem heuristischen Wert [Heuristik: Auffindung von Erkenntnissen auf methodischem Weg (Wiktionary)]. So verhält es sich mit allen wirklich wertvollen Versuchen: sie sind immer unklar, unfertig, einmalig. Und wenn sie klar, präzis und beliebig reproduzierbar werden - sind sie für eigentliche Forschungszwecke nicht mehr nötig, sie dienen dann nur zu Demonstrationszwecken oder Einzelfeststellungen.

...

Es ist also klar, dass die Ausschläge der der Experimente nicht scharf waren, dass manche Experimente verwischte Ergebnisse lieferten, daß man sich oft erst entscheiden mußte, ob man vom positiven oder vom negativen Ergebnis eines Experiments zu sprechen habe. Es ist auch klar, daß Wassermann aus diesen verworrenen Tönen jene Melodie heraushörte, die in seinem Innern summte, für Unbeteiligte aber unhörbar war. Er und seine Mitarbeiter horchten und drehten an ihren Apparaten so lange, bis diese selektiv wurden und die Melodie auch den Unbeteiligten (Unvoreingenommenen) vernehmbar wurde. Wer könnte den Moment bestimmen, wo dies zum ersten Male möglich wurde? Die Gemeinde jener, die die Melodie hörbar machten, und der Hörer wuchs stetig. Es ist nicht angebracht von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit der ersten Versuche zu sprechen, da unmittelbar aus ihnen sich etwas sehr Richtiges entwickelt, ohne daß sie selbst richtig genannt werden könnten.

Wäre ein Forschungsexperiment klar, so wäre es überhaupt unnötig: denn um ein Experiment klar zu gestalten, muß man sein Ergebnis von vornherein wissen, sonst kann man es nicht begrenzen und zielbewußt machen. Je reicher an Unbekanntem, je neuer ein Forschungsgebiet ist, um so unklarer sind die Experimente.

...

Und blickt man nach Jahren auf ein selbst beabeitetes Gebiet zurück, so sieht und versteht man die Nöte der Schöpferarbeit nicht mehr, man rationalisiert, schematisiert den Entwicklungsweg der Arbeit: man transmittiert [überträgt] die Ergebnisse in die Absichten. Wie könnte es auch anders sein? Man besitzt jetzt fertige Begriffe, mit denen unfertige Gedanken nicht mehr ausgedrückt werden können.

 

[Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Suhrkamp Ffm 1980 (Seite 112-114). (Ursprünglich 1935)]

 

 

_____________________________________

Siehe zu dem Thema auch noch hier

Desweiteren siehe Popper hier

_____________________________________

 

Hier geht’s zu:

Die Rolle des ‚Beispiels‘ in Argumentation und Erkenntnis

 

 

 

 

 

 

[Home] [Philosophen] [Marx] [Plato] [Buber] [Adorno] [Popper] [Sloterdijk] [Horstmann "Das Untier"] [Unzicker - Sapere aude] [Psychoanalytiker Maaz] [Projekt Argumentation] [Was ist Wissenschaft?] [Gegenständliche Malerei] [00-Spießer-Demokratie] [div. SPEZIAL-THEMEN] [Mathematik] [Links]