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(7.1) Glücksstreben vs. Vermeidung von Unglück
(7.2) Glücksdefinition
(7.2) Glücksdefinition

02.10.12

 

2.Teil - Glücksdefinition

 

Ich hatte im 1. Teil geschrieben: „Vermeidung von Unglück ergibt noch kein vollgültiges Glückserleben.“ Meine Behauptung der Unvereinbarkeit von Glückserlangung mit der Haltung kritischer Rationalität beruht auf der Voraussetzung einer bestimmten Definition von 'Glück im eigentlichen Sinne'. Die Frage ist also: Was verstehe ich unter Glück i.e.S.?

 

Wladislaw Tatarkiewicz: Über das Glück, Klett-Cotta, Stuttgart 1984 (ursprünglich geschrieben zwischen 1939 und 1962, Warschau und Krakau), der sich bemüht hat, in dem Dickicht der diversen, sich überlappenden und mehr oder minder unterschiedlichen Glücksauffassungen und Glückstheorien eine Orientierung und einen Überblick zu finden, hat bzgl. der sog. subjektiven Glücksauffassung interessante Formulierungen gebracht, die sich meiner Auffassung annähern. Ich möchte hier einige dieser Formulierungen aufführen:

 

  • Letztlich entscheiden über das Glück nicht Güter, sondern Gefühle, nicht das, was wir besitzen, sondern wie wir auf den Besitz reagieren. Der Besitz dieser oder jener Güter, innerer oder äußerer, ist für das Glück notwendig, weil es schwierig ist, glücklich zu sein, ohne irgendwelche Güter zu besitzen; der Besitz an sich stellt jedoch kein Glück dar. (S.17)
  • Es ist etwas anderes, mit dem Leben zufrieden zu sein, und wiederum etwas anderes, intensive Freuden zu erfahren. (S.17)
  • Goethe sagte in seinem Gespräch mit Eckermann (im Jahre 1824), daß er im Verlauf der 75 Jahre seines Lebens nicht einmal vier Wochen eines vollständigen Glücks erfahren habe. (S.17)
  • Noch vor einem Jahrhundert war die Vieldeutigkeit des „Glücks“ geringer. Unter Glück wurde nämlich nur das äußere Wohlergehen verstanden; dagegen wurde das innere Gefühl, die Fülle der Zufriedenheit, Glückseligkeit (szczesliwosc) genannt. (S.19)
  • Einige Erlebnisse bleiben an der Oberfläche, andere gehen in einen tieferen Bewußtseinsstrom ein. Also ist das Glück nur eine solche Zufriedenheit, die in die Tiefe reicht. Um es überhaupt erfahren zu können, muß man über jenen tieferen Lebensstrom verfügen. (…) Wer mit einem tieferen Lebensstrom lebt, dessen Leiden reichen genauso tief ins Bewußtsein wie dessen Zufriedenheit. Sein Schicksal schwankt zwischen Glück und Unglück, andere Menschen hingegen leben außerhalb dieser Kategorien. Ihr Leben ist angenehm oder unangenehm, aber weder glücklich noch unglücklich. (S.23)

Mit dem letzten Punkt bin ich beim Kern der Sache angelangt. Wenn ich Wladislaw Tatarkiewicz in meinem Sinne interpretiere, so gibt es ein besonderes Sinnesorgan als Teil unseres Sensoriums, das er den „tieferen Lebensstrom“ nennt. Es ist in der Lage in positiver Ausprägung Glück und in negativer Ausprägung Unglück auf spezifische Weise zu repräsentieren, d.h. erlebbar zu machen. Es drückt sich nach meiner Auffassung innerlich als 'farbige', ganz spezifische Gefühlsnuancen aus (die nur für die jeweils spezielle Situation Gültigkeit haben und deshalb erinnerbar - aber andererseits nicht mitteilbar sind, da die sprachliche Einigung auf Konstanten nicht möglich ist) und äußerlich in allerlei spezifischen Gebärden und Ausdrucksweisen. Beispielhaft kann man dies bei Katzen sehr gut beobachten: sie schnurren, wenn sie glücklich sind, sie wälzen sich, kraulen mit den Pfoten usw. Anmutige, gesunde Katzen besitzen ganz offenbar dieses Sinnesorgan in hoher Ausprägung. Natürlich können sie mit diesem Sinnesorgan auch ebenso spezifisch leiden. Andererseits gibt es lt. Tatarkiewicz einen ganz eigenartigen Mangel, nämlich wenn der tiefere Lebensstrom dauerhaft oder vorübergehend fehlt. Man lebt dann lediglich in einem oberflächlichen Lebensstrom. Ich würde dies etwa vergleichen mit dem Unterschied zwischen einem Farbfilm und einem Schwarz-Weiß-Film. Das 'SinnesorganX', wie ich die Sache bezeichnen möchte, kann sich ausbilden zu hoher Leistungsfähigkeit, es kann aber auch behindert oder ganz und gar gestoppt werden. Letzteres ist der Fall bei Traumata des Vertrauensbruchs. Es gibt nämlich nach meiner Annahme einen sehr engen Zusammenhang zwischen entwickeltem Urvertrauen und entwickeltem SinnesorganX.

 

Ich komme nun zur Beantwortung meiner obigen Frage: Was verstehe ich unter Glück im eigentlichen Sinne (i.e.S.)?

 

Glück i.e.S. ist vorhanden, wenn jemand ein ausgebildetes SinnesorganX besitzt und tatsächlich dieses SinnesorganX in seiner positiven Ausprägung wirken lassen kann, d.h. erlebbar macht. Erst dann besteht ein vollgültiges Glückserleben.

 

Jetzt steht als nächstes die Frage im Raum, warum ist diese Art Glückserleben unvereinbar mit einer kritisch rationalen Haltung? Oder anders ausgedrückt: Warum braucht das Glück i.e.S. die Abgeschottetheit gegenüber kritischen Argumenten? Die Vermutung, die sich hier aufdrängt ist einfach: Das Glücksstreben i.e.S. braucht absolute Selbstgewißheit. Man denke z.B. an eine gutgepflegte Hauskatze, die im großen Garten des Hauses Vögel, junge Kaninchen und Eichhörnchen (sozusagen völlig überflüssigerweise) jagt. Man beobachte ihren selbstgewissen Genuß beim Blutaussagen eines lieblichen Eichhörnchens. Man beachte gleichzeitig Gretchen, die Besitzerin des anmutigen Raubtiers, die ihre Katze ausschimpft: „Du Ungeheuer!“ - Wenn die Katze diese herbe Kritik ihres geliebten Gretchens verinnerlichen würde, wäre viel von ihrem Glücksstreben i.e.S. dahin. Sie könnte guten Gewissens nicht mehr beispielsweise ein kleines Kaninchen im Garten quälen, indem sie es zum Weglaufen anschubst, um es dann, wenn sich das Kanichen schon fast sicher fühlt, doch wieder neu einzufangen, um es anschließend triumphierend in die Luft zu wirbeln usw. usw. - Es steht für mich außer Zweifel, daß die Katze hier ein vollgültiges Glückserleben zelebriert.

 

Ich möchte nun auf die 4 Beispiele vom Teil 1 eingehen, um zu überprüfen, inwieweit die Vermutung der absoluten Selbstgewißheit dort ebenfalls zutrifft.

 

Beispiel 1: Der pflichtvergessene hedonistische Student, der eine gute Flasche Wein in schöner Landschaft genießt. - Er denkt nicht im Traum daran dieses schöne Erlebnis je in Frage zu stellen. Er ist sich absolut gewiß, daß dies völlig in Ordnung war. Das erlebte Gefühl (vermittelt über das SinnesorganX) gibt ihm die Rechtfertigung.

 

Beispiel 2: Das junge Mädel, welches das Glück hatte, die 'Große Liebe' zu erleben, hatte während dieser 1 ½ Jahre nicht den geringsten Zweifel daran, wie wertvoll ihr das war. In dieser Zeit vermittelte ihr das SinnesorganX immer wieder neu positive bunte Gefühlserlebnisse, die sie glücklich im eigentlichen Sinne machten, auch wenn es zwischendurch einige negative Episoden gab. Dieses Glückserleben gab ihr die innere Rechtfertigung für ihre Haltung.

 

Judy Collins
Someday Soon lyrics

Songwriters: TYSON, IAN

 

There's a young man that I know
His age is twenty-one
Comes from down
In southern Colorado

Just out of the service
And he's looking for his fun
Someday soon, going with him
Someday soon

My parents can not stand him
Cause he rides the rodeo
My father says that
He will leave me crying

I would follow him right down
The toughest road I know
Someday soon, going with him
Someday soon

And when he comes to call
My pa ain't got a good word to say
Guess it's cause he's just
As wild in the younger days


So blow, you old Blue Northern
Blow my love to me
He's driving in tonight
From California

He loves his damned old rodeo
As much as he loves me
Someday soon, going with him
Someday soon

But when he comes to call
My pa ain't got a word to say
Guess it's cause he's just
As wild in the younger days

Blow, you old Blue Northern
Blow my love to me
He's driving in tonight
From California

He loves his damned old rodeo
As much as he loves me
Someday soon, going with him
Someday soon

Someday soon, going with him
Someday soon

 

 

Beispiel 3: Die Wilhelminische Ära und die allgemeine Hochstimmung dieser Zeit in Deutschland. Über die Selbstgewißheit der damaligen Haupt-Protagonisten, das Militär, gibt meiner Ansicht nach das folgende Foto eine deutliche Auskunft. Das Foto wurde am Niederwalddenkmal 1912 aufgenommen. Schon allein dieses Ambiente mit dem Denkmal, das an den Sieg von 1871 erinnert, ergibt eine Kulisse, welche die Selbstgewißheit der abgebildeten Militärs keineswegs nur unwesentlich stützt. Die damaligen Militärs hatten sicherlich nicht den geringsten Zweifel am positiven Sinn ihrer Tätigkeit für das 'Vaterland'. Sie hatten deswegen hier bei ihrer Versammlung vor dem Niederwalddenkmal aller Vermutung nach erhabene Gefühle des Stolzes, wobei – zumindest bei einigen von ihnen - das SinnesorganX noch zusätzlich seine besondere Rolle spielte.

DSCI1271-Militär 1912-1-760

 

 

 

 

 

DSCI1271-Militär 1912-1-760-Ausschnitt

 

Die Wacht am Rhein

1.

  • Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
  • wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
  • Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
  • Wer will des Stromes Hüter sein?
  • Refrain
  • Lieb Vaterland magst ruhig sein,
  • lieb Vaterland magst ruhig sein:
  • Fest steht und treu die Wacht,
  • die Wacht am Rhein!
  • Fest steht und treu die Wacht,
  • die Wacht am Rhein!
  • 2.
  • Durch Hunderttausend zuckt es schnell,
  • und aller Augen blitzen hell;
  • der Deutsche, bieder, fromm und stark,
  • beschützt die heil'ge Landesmark.
  • Refrain
  • 3.
  • Er blickt hinauf in Himmelsau'n,
  • da Heldenväter niederschau'n,
  • und schwört mit stolzer Kampfeslust:
  • Du Rhein bleibst deutsch wie meine Brust!
  • Refrain
  • 4.
  • Solang ein Tropfen Blut noch glüht,
  • noch eine Faust den Degen zieht,
  • und noch ein Arm die Büchse spannt,
  • betritt kein Feind hier deinen Strand!
  • Refrain
  • 5.
  • Der Schwur erschallt, die Woge rinnt
  • die Fahnen flattern hoch im Wind:
  • Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein
  • wir alle wollen Hüter sein.
  • Refrain

Beispiel 4: Hitler und das deutsche Volk. Über die Selbstgewißheit der Deutschen während der Nazizeit finden sich bei Friedrich Kellner (Tagebücher 1939-1945) überwältigend viele Hinweise. Ich zähle nur die nächstliegenden 10 auf:

 

  • Ich bringe in Gesprächen immer wieder meine Meinung zum Ausdrucke, daß man seine Gegner nie unterschätzen dürfe. Aber das hört niemand. Die Überheblichkeit ist bis zur höchsten Potenz gesteigert. (26.09.38; Bd.1 S.15)
  • Allerdings ist der kindliche Glaube an die Unfehlbarkeit der Götter und Halbgötter noch nicht erschüttert. Was soll man auch schon sagen, wenn selbst Menschen, die Kraft ihres Lebensganges sich eine eigene Meinung bilden müßten, jedes dumme Geschwätz u. saudumme, absichtlich in Umlauf gebrachte, Gerücht mit wahrem Heißhunger verschlingen und ihre wankende Heldengestalt daran aufrichten. (Anfang September 1939; Bd.1 S.18)
  • Jahresschluß! - Das d. Volk wird dafür bestraft werden, daß es fortgesetzt gegen den Verstand und gegen alle Vernunft verstoßen hat. (31.12.39; Bd.1 S.51)
  • Seit Kriegsausbruch wimmelt es in der einheitlich dirigierten deutschen Presse nur so von „Heldentaten“ der Flieger, U-Boot-Besatzungen, Spähtruppen usw. Es wird systematisch darauf hingewirkt, die Feinde als unfähige Trottel hinzustellen. Bei den einfältigen Durchschnittsmenschen erzeugt diese Heldendarstellung unbedingt die gewünschte Wirkung. (16.03.40; Bd.1 S.57)
  • „Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt“, singt unsere nette Jugend, durch die Straßen ziehend. Was soll man dazu sagen? - Dummheit? Gedankenlosigkeit? Nein, es ist der Geist der führenden Schicht, die eine Herde brauchen u. keine denkenden Menschen. Diese geistlose Arroganz hat uns den Krieg 1914 gebracht und ist noch in erhöhtem Maße schuldig an diesem Kriege. (17.03.40; Bd.1 S.57f.)
  • Nach dem unverständlichen Zusammenbruch Frankreichs kann es eigentlich der breiten Masse des deutschen Volkes noch nicht einmal verübelt werden, wenn sie der natsoz. Propaganda voll u. ganz erlegen ist. Das eigene Denken ist bei 99% aller Deutschen ausgeschaltet. Eine grenzenlose Ueberheblichkeit ist bei allen Schichten der Bevölkerung festzustellen. Ein unzerstörbarer Glaube an die Macht der Waffen. Es gibt nur eine handvoll Menschen, die sich kritisch mit der weiteren Entwicklung beschäftigen. Es ist vollkommen zwecklos, den Durchschnitts-Deutschen [etwa] überzeugen zu wollen, daß die Sache mit England sich doch etwas schwieriger gestalten könnte. Das Meer ist für diese Leute in ihrer Vorstellung überhaupt nicht vorhanden. Ich habe bis jetzt [kaum] einen Deutschen getroffen, der etwa an ein Mißlingen eines Angriffs gegen England glauben oder in den Bereich der Möglichkeit ziehen würde. Im Gegenteil. England ist bei allen in ganz kurzer Frist „zusammengeschlagen“ oder „vernichtet“. (24.07.40; Bd.1 S.80)
  • Selbst wenn es einem Truppenteil gelingen würde, an irgendeiner Stelle zu landen, so wären diese armen Kerle den Angriffen der gesamten englischen Armee ausgesetzt, und was das schlimmste wäre: von einem Nachschub könnte überhaupt nicht gesprochen werden. Den einen Erfolg will ich unserer Propaganda nicht absprechen, das gesamte deutsche Volk (mit ganz geringen Ausnahmen) glaubt an einen Angriff und – an eine Vernichtung Englands. Diesen kindlichen Glauben habe ich beschämender Weise besonders bei akademisch gebildeten Menschen angetroffen. Mir taten deren Lehrer besonders leid. Geistige Armut ohnegleichen. Beispiellos. - Zu dieser Geistesverwirrung gesellt sich auch noch ein Mangel an Gemüt oder Seele. Man könnte laut heulen über dieses Volk. Von seinen früheren Werten ist nichts mehr da. Es regieren Roheit, Brutalität, Herrschsucht u. Ueberheblichkeit. (21.08.41; Bd. 1. S.82)
  • In Grünberg (Oberhessen) muß eine Frau täglich auf der Bürgermeisterei erscheinen u. sagen: „Der Krieg geht in diesem Jahr noch zu Ende.“ (29.05.41; Bd.1 S.141)
  • Im Vorzimmer von Dr. K[...]. Tapezierer Sch[...]: In 8 Tagen sind die russischen Armeen gefangen. (30.06.41; Bd.1 S.163)
  • Soeben höre ich von Frl. Helga E[...], daß sie in einem Reservelazarett in Traisa gewesen ist, um einen Verwandten zu besuchen. Ich fragte nach der Stimmung. Die Insassen des Lazaretts und die Aerzte seien der Meinung, daß wir in diesem Jahre mit Rußland fertig würden, und nächstes Jahr ginge es nach England! Diese Sorte Menschen hat also immer noch nicht genug vom Kriege. Fast unverständlich, aber Tatsache. Das ist der Geist, der in der übrigen Welt nicht verstanden wird. (07.07.41; Bd.1 S.169)
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Friedrich Kellner hat zu recht den kritischen Blickwinkel der Vernunft auf dieses absurde Treiben in seiner deutschen Umwelt. Worauf er jedoch nicht eingeht, das ist die allgemeine Hochstimmung der Zeit ab 1933. Das können die Veranstaltungen von Organisationen wie beispielsweise HJ und BDM sein, etwa Sonnenwendfeiern, Feste, Sportveranstaltungen, Fahrten, Zeltlager, Segelfliegen usw., das können die Großveranstaltungen des Nürnberger Reichsparteitages oder der Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg sein. Hinzu kamen noch tausende andere Festereignisse im kleineren Rahmen, die praktisch das ganze Volk immer wieder neu in Jubel versetzten – besonders stark z.B. bei den Siegesfeiern nach der Kapitulation Frankreichs. Das waren keine Privatereignisse, sondern das ganze Volk war über Rundfunk und Presse, Beflaggung der Häuser, diverse Uniformen und Aufmärsche zusammen integriert. Außenseiter, Kritiker oder Gegner kamen nicht zu Worte. Sie wurden verfolgt und mundtot gemacht. Schon allein dieses gewaltige Einheitsgefühl eines Volkes muß eine stark euphorisierende Wirkung auf diejenigen ausgeübt haben, die sich ihm uneingeschränkt hingaben. Nicht umsonst gab es noch lange Zeit nach dem Untergang des Nazireichs im Volk den Spruch, wenn jemand ein ganz tolles Glückserlebnis hatte: „Das war mir ein innerer Reichsparteitag!“ - Friedrich Kellner (und mit ihm vermutlich alle kritischen Rationalisten) hat den Zusammenhang der Verblendung des Volkes mit dem vielfältigen Glückserleben, das der Nationalsozialismus dem Volk ermöglichte, ganz offenbar übersehen. Denn die uneingeschränkte Hingabe, die Voraussetzung für jenes Glückserleben war, gebot Kritiklosigkeit und Außerkraftsetzung der Vernunft.

 

Solche Erlebnisse wie beispielsweise dieser “Lichtdom” (mit Hilfe von Flakscheinwerfern) sind wohl für den “inneren Reichsparteitag“ verantwortlich:

 

 

Bundesarchiv_Bild_183-1982-1130-502,_Nürnberg,_Reichsparteitag,_Lichtdom-760

(Foto aus Wikipedia/Wikimedia)

 

 

 

 

Abschließende Überlegungen

Sofern man die bisherigen Ergebnisse akzeptieren kann, ergibt sich nach meiner Einschätzung folgendes:

Ob jemand beispielsweise beim Rodeo oder beim Bergsteigen, bei der Jagd, beim Skifahren, bei Sexualität oder Rockmusik (aktiv als Musiker oder passiv in Großveranstaltungen) sein sensationelles Glück sucht, ist sozusagen das Privatvergnügen der Beteiligten. Die Risiken die jemand dabei eingeht, sind ebenfalls noch weitgehend  im Rahmen des Privaten. Doch ist das Glück in wichtigen Fällen nicht einfach als reine Privatangelegenheit anzusehen, nämlich dann, wenn ein Teil des Glücks in staatlich-gesellschaftlicher Hand liegt, wie das bei den modernen ‚Religionen‘ Nationalismus, Faschismus, Kommunismus der Fall war. Auch wenn das öffentliche Leben stark klassisch religiös durchdrungen ist, wie das beim Buddhismus (z.B. Thailand), Hinduismus (z.B. Indien), Mohammedanismus (z.B. Saudi-Arabien), Judaismus (Israel), Christentum (z.B. Cypern zur Zeit von Erzbischof Makarios) der Fall sein kann, werden Glückserlebnisse durch die unumstößliche Glaubensgewißheit  in der Gemeinschaft der Gläubigen und ihren Ritualen ermöglicht. Die gesellschaftliche Einheit und das dadurch ermöglichte Glück des Aufgehobenseins in der ‚Volksgemeinschaft‘ birgt aber den Nachteil der ‚Unaufgeklärtheit‘ in sich. – In diesem Zusammenhang wäre es auch interessant, die Rolle des Fußballs mit seinen Welt- und Europameisterschaften zu untersuchen. Denn ganz offenbar gibt es doch eine – vielleicht sogar berechtigte - Sehnsucht nach gesellschaftlichem Einheitsgefühl, das in den Jahrzehnten nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland durch die massenhafte Identifikation mit Nation und nationaler Fußballmannschaft vorübergehend während der Meisterschaften hergestellt wird.

 

 

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Hier geht’s zum Thema ‘ideologische Argumentation’ bzw. ‘ideologische Argumentations-Tricks

 

 

 

 

 

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